Astrologie, die Sternendeutung, war früher in vielen kulturellen Räumen in Ritualen vertreten, lange bevor die großen Religionen ihren Gebrauch in der westlichen Welt mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt haben.

Da in Indien Astrologie seit vielen tausend Jahren direkt an – vorwiegend brahmanische – Rituale gebunden ist, hat dort bis heute die traditionelle Form, die siderische Astrologie, überlebt. Dies bedeutet, dass sie mit siderischen Sternbilder arbeitet. Dabei geht es um die Konstellation der Sterne bei der Geburt, sie orientiert sich am Mond.

Die westliche Astrologie hingegen, die wir heute kennen, entstammt aus dem Zeitalter der Renaissance, sie hat sich von der siderischen in eine Lesart tropische Tierkreiszeichen entwickelt, die sich an den Wendepunkten im Jahreszeitenkreis oder vielmehr der Sonne orientiert.

Was genau ist „Indische Astrologie“?

Ganz nüchtern betrachtet, ist die vedische Astrologie eine siderische Astrologie und wird in Indien Jyotisha genannt. Übersetzt heisst Jyotish „Wissenschaft des Lichtes“. Ihr Ursprung wird meist in alten indischen Schriften, den Veden oder in Epen, wie dem Mahabharata gesehen.

Es handelt sich bei den ältesten Geburtskonstellationen, die Archäologen im arabischen Raum (Babylonien) gefunden haben, auch um siderische Lesungen. Inzwischen geht man von einer ursprünglichen oder alten Astrologie in Babylonien aus, die dann nach Indien gewandert ist.

Früher, wie heute, wird Jyotisha in Indien dazu genutzt, den idealen Zeitpunkt für ein Ritual oder ein Opfer festzulegen. Auch Hochzeiten, medikamentöse Behandlungen und Namensgebungen erfolgen oft erst nach einem Blick in die Sterne.

Spirituell betrachtet ist die vedische Astrologie eine Art Spiegel und stellt die Beziehung des Individuums mit allen Einflüssen aus Natur und Universum her.

Was macht die vedische Astrologie aus?

Mit Jyotisha ist Vorhersage möglich, ebenso ein Urteil über die aktuelle gesundheitliche oder geistige Situation. Auch eine spirituelle Lesart der Sterne ist möglich. Diese geht über die Vorhersage und das Urteil hinaus. Hier wird der Fokus darauf gelenkt, ob die bestimmenden Energien in Balance sind, das Bewusstsein geschult und die eigene Intuition gestärkt werden können. Hierbei werden auch Empfehlungen aus der Ayurveda und dem Yoga herangezogen.

Auch eine Kombination der drei üblichen Facetten ist möglich, das hängt von der individuellen Fragestellung ab.

Mein Selbstversuch beim Astrologen in Auroville

Zugegeben, bis vor nicht allzulanger Zeit war ich kein „Sternenmensch“. Den Mond beobachte ich schon seit Jahren und bin immer faszinierter, seine Auswirkungen zu verstehen und zu fühlen. Doch Sterne zu befragen, fühlte sich für mich eher unbehaglich und nach Fremdbestimmung an, also Fehlanzeige.

Als Ende letzten Jahres mein Leben durch einen plötzlichen Todesfall in meiner Familie aus den Fugen geriet und noch mal ganz alte Themen innerhalb unseres kleinen Kreises ans Tageslicht kamen, begann für mich eine Zeit andauernder Fragen und Unruhe. Ja, ich fühlte mich noch stark mit meinem Zentrum verbunden, doch in meinem Kopf tobte ein Wind, den ich mit meinen Yoga- und Ayurveda-Tools nicht so leicht zügeln konnte.

Ein paar Monate später saß ich in Auroville, Südindien, einem vedischen Astrologen gegenüber. Ich wollte Antworten auf meine Fragen. Ich wollte – verdammt – dass wieder alles rund lief.

Der Astrologe hatte mich zu sich nach Hause eingeladen. Keine kleine indische Hütte mit Götterbildern, Altar und Gheelämpchen, sondern ein Kasten aus Beton und Glas, mit Blick in den wilden Wald von Auroville. Auf dem Sofa vor dem Blick ins Grün, saß seine Tochter und guckte fern. Eher skeptisch lehnte ich mich zurück.

Zunächst erklärte mir der Astrologe die Bedeutung meiner dominanten Planeten in den verschiedenen Häuser – errechnet durch Ort, Datum und Zeit meiner Geburt. Ich erfuhr ganz genau, welche Planeten zu welcher Zeit starken Einfluss auf mich ausüben, wie ich selbst für Balance sorgen und mich vor möglichen Krisen und Krankheiten schützen könnte.

Schließlich sagte er mir, dass es im Spätherbst eine Erschütterung in meinem Leben gab und dass diese Krise noch etwas andauern würde und dass ich an meinen Fähigkeiten und an meinem Weg nicht so zweifeln sollte, wie ich es aktuell tun würde.

Bäm. Mir stiegen die Tränen in die Augen.

„Woher weißt du das denn?“, war mein erster Gedanke. Gleichzeitig spürte ich, wie mir eine riesige Last von den Schultern genommen wurde. Was war, wenn doch alles okay war? Alles im Fluss? Der Fluss fühlte sich zwar gerade nicht großartig an, doch meine innere Auflehnung schmolz Stück für Stück dahin.

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Die vedische Astrologie ist bestimmt durch die drei Eigenschaften und die neun Planeten. Das Wissen um sie zielt auf die Balance der vier Ziele im Leben.

Aha, aber was bedeutet das genau? Und vor allem wie kann ich das mit allem kombinieren, was ich gelernt habe. Über Ayurveda, Yoga und andere spirituelle Lehren? Doch wie so oft konnte ich Ähnlichkeiten in den Systemen entdecken.

Die drei Gunas als alle bestimmenden Eigenschaften

Vielleicht kennst du die Begriffe der drei Gunas oder Eigenschaften schon aus dem Yoga oder der Ayurveda: diese sind Sattva, Rajas und Tamas. Sattva ist das Licht, die hohe spirituelle Kraft. Rajas ist Abwechslung, Bewegung, auch Feuer und Leidenschaft. Tamas ist die Nacht, das Dumpfe, Dunkle, Schwere. Du kannst das so verstehen: Alles, was eine Form hat, manifestiert sich durch die Qualitäten von Sattva, Rajas und Tamas. Das Leben ist im beständigen Wandel und so sind auch Sattva, Rajas und Tamas immer in Bewegung.

In der vedischen Astrologie werden die Planeten, die Sternzeichen und Häuser über diese Eigenschaften kategorisiert.

Dazu kommen Navagraha, die neun Planeten

In Jyotisha finden wir, wie in der westlichen Astrologie, die sieben Hauptplaneten Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn. Hinzu kommen hier noch Ketu und Rahu, die Kopf und Schwanz eines Dämonen sein sollen.

Jeder Planet entspricht einer personifizierten Himmelsgestalt. Sieben von ihnen gelten als Halbgötter und sie werden, inklusive des einen Dämonen, der sich aus Ketu und Rahu zusammensetzt, in einigen indischen Tempeln verehrt. Alle neun werden über die oben beschriebenen drei Eigenschaften eingeteilt.

Als Sattva-Planeten gelten Sonne, Mond und Jupiter. Sie haben eine stark nährende und heilende Eigenschaft. Zu Rajas zählen Mercur und Venus. Sie haben viel Feuer und Geisteskraft und können für starken Egoismus stehen. Als Planeten mit Tamas gelten Mars und Saturn, Ketu und Rahu; sie stehen für Dumpfheit und (Selbst-)Zerstörung. Wichtig sind nicht nur die Eigenschaften der Planeten, sondern auch, wo genau sie in der Geburts-Chart zu finden sind.

Die vier Ziele im Leben

Egal, in welcher Tradition wir uns in Indien bewegen oder welches Epos wir dahingehend lesen: eine ganz zentrale Rolle spielen die vier Ziele im Leben eines Menschen. Diese sind Dharma (hier: Lebensaufgabe), Artha (Wohlstand), Kama (Wunsch), und Moksha (spirituelle Befreiung).

Wichtiger Schritt in einem siderischen Geburtsdiagramm ist, das Dharma, also die Lebensaufgabe eines Menschen herauszufinden.

Also Antworten auf Fragen wie diese zu finden: Warum bist du hier, was ist deine Aufgabe? Wie kannst du dich verwirklichen und gleichzeitig für das Wohl der Gemeinschaft sorgen?

Die weltlichen (Dharma, Artha und Kama) und spirituellen (Moksha) Ziele in Balance zu halten, ist Ziel im Hinduismus. Wie dir das gelingt und welche Energien oder eben Planeten dich dabei hindern, beziehungsweise unterstützen, kann mit einem Blick in dein jyotisches Geburtsdiagramm beantwortet werden.

Gibt es Sternzeichen und „Häuser“ im Jyotisha?

Ja, die im Westen üblichen Sternzeichen und Häuser werden auch in der vedischen Astrologie genutzt – und anhand der drei Eigenschaften charakterisiert.

Im Bezug auf die Sternzeichen gelten als sattvisch Zwilling, Waage und Wassermann. Sternzeichen mit viel Feuer sind Widder, Löwe und Schütze. Tamasisch sind Stier, Jungfrau, Steinbock, sowie Krebs, Skorpion und Fisch. (Wenn du mehr über die einzelnen Häuser erfahren möchtest, kannst du in Astrologie der Seher: Einführung in die spirituellen und yogischen Grundlagen der vedischen Psychologie von David Frawley weiterlesen.)

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Surya, Gott der Sonne.

Jyotisha im Zusammenhang mit der Ayurveda

Sowohl Jyostiha als auch die Ayurveda haben beide ihren philosophischen Ursprung in der Samkhya-Phiosophie. Das zeigt sich auch in der Allgegenwart der drei Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas.

In der klassischen Ayurveda werden zur Diagnosestellung zunächst die äußeren Merkmale, wie Zunge, Haut, Puls, Augen und die Ausscheidungen, wie Stuhl, Schweiß und Urin untersucht. Zudem wird der direkte Kontext, in dem sich eine Person aktuell befindet, beleuchtet. Also Arbeitswelt, Familienleben und weiteres.

In vielen Traditionen wird auch medizinische Astrologie genutzt, um Dispositionen zu erkennen und Krankheitsbilder genauer zu differenzieren. In den Sternen zeigt sich das Gesundheitspotential, die Anfälligkeit und auch der Zeitpunkt für die richtige Behandlung.¹ Wenn die Energiefelder der Sterne nicht mit dem individuellen Energiefeld in Resonanz gehen, kann dies Krankheiten hervorrufen. Jyotisha hilft hier bei der Diagnostik und Therapie.

Jyotische Astrologie und die Psyche

Auch über das geistige und spirituelle Potential gibt Jyotisha Aufschluss und ermöglicht somit einen Einblick in die Psyche eines Menschen. Die Einteilung der Planeten in die drei verschiedenen Eigenschaften (Gunas) ist hierbei behilflich.

Aufgrund positiver Erfahrungen bin ich zu dem Schluss gelangt, dass Astrologie für den Psychologen von großem Nutzen sein kann (…) das bedeutet, dass wir die ursprünglichen psychischen Faktoren in der Konstellation [der Sterne] wieder finden.“

C.G. Jung

Indem wir mittels Jyotisha in einen größeren Kontext gesetzt werden, können bestimmte Ursachen für Krisen besser verstanden werden. Dadurch, dass anhand der Geburts-Chart gelesen wird, warum die Krise da ist, kann der Kopf mal Pause von seinen grüblerischen Gedanken machen und sich auf das konzentrieren, was ihm als stärkendes Pendant angeboten wird.

Was ist der Sinn einer jyotischen Sitzung und was macht eine gute Sitzung aus?

In der siderischen Lesung zeigen sich die Aufgabe eines Menschen in seinem Leben in Kombination mit seinem körperlichen, wie seelischen Potential. Anhand der Einteilungen in die drei Eigenschaften zeigen sich die Wirkungen von Planeten, die sich positiv oder negativ auf das Leben auswirken und wie wir damit umgehen können.

In der Sitzung konnte mir der Astrologe genau sagen, welche Sterne in meinem Leben für Unruhe sorgen und welche meine Kraftquellen, ja, Kompenzen sind, auf die ich mich konzentrieren sollte. Alle Faktoren, die er ansprach, konnte ich in meinem Leben wiederfinden. Zur Unterstützung erhielt ich Aufgaben und Mantren, um dunkle Planeten zu besänftigen und meine Verbindung zu positiven Aspekten zu stärken.

Ich denke, eine gute Session beleuchtet den Raum von Kompetenzen und positiver Aktion.

Wie komme ich mit den Gegebenheiten klar und wie kann ich eine größere Balance in meinem Leben erreichen? Welche Faktoren hindern mich daran und welche Quellen kann ich zur Unterstützung nutzen?

Wir erfahren, welchen Einfluss wir auf unsere Zukunft nehmen können. Unsere Zukunft ist letztlich Ergebnis unserer Gedanken und Handlungen im Jetzt.

Prasna, die Kraft der Fragestellung als Schritt zur inneren Balance

Wenn wir die Sterne befragen, suchen wir dann die Lösung nur im Außen? Ich denke nein.

Letztlich wird in der Astrologie mit Symbolen ähnlich den Archetypen gearbeitet. Sie sollen uns dabei helfen, uns selbst besser zu verstehen und – basierend auf diesem tiefen Verständnis und der Annahme – bestimmte Kompetenzen zu stärken, unser Bewusstsein zu erweitern und vor allem, gelassener mit uns selbst umzugehen.

Meine Sitzung in Auroville hat viel in mir bewegt. Ich sehe seitdem Reibungsfeldern in mir und um mich herum viel gelassener entgegen. Und ich habe eine Ausbildung in vedischer Astrologie begonnen, um unbedingt mehr über dieses spannende System erfahren.

Jotisha dient als Spiegel, um deine Schattenseiten und dein inneres Licht besser zu verstehen, anzunehmen und dich selbst sicher und gehalten durch den manchmal wilden Ozean der Energiefelder zu schiffen.

Deine Julia

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¹ David Frawley, „Yoga und Ayurveda“.

Fotocredit: Surya von www.maadurgawallpaper.com