Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Immer dann, wenn ich merke, dass ich einen Menschen wirklich zu mögen beginne, dass ich bedürftig werde, ja ein klein bisschen emotional abhängig, kriege ich Angst. Angst davor, irgendwann nicht mehr geliebt und wertgeschätzt zu werden. Angst davor, auf der Stelle verlassen zu werden, wenn ich mein nach Liebe lechzendes Selbst zur Schau stelle. Woran das liegt?

Meinem Ego erscheint die bedürftige Version meiner Selbst erschreckenderweise viel weniger liebenswert als jene, die vor Unabhängigkeit und Freiheit strotzt.

So assoziiert es Bedürftigkeit mit Liebesentzug. Und bedient sich dabei noch einer anderen, eigentlich sehr positiven „Story of my life“: Nämlich jener, dass mich der Glaubenssatz „Ich sollte mir selbst gut genug sein“ in Sachen Selbstliebe weit gebracht hat. Ja, würdest du mich fragen, was ich am meisten an mir schätze, dann ist es die Fähigkeit, Probleme mit mir selbst auszumachen und Heilung in mir selbst zu finden. Ich kann mir mittlerweile tatsächlich sehr vieles von dem selbst geben, was ich früher anderen abverlangt habe. Unabhängigkeit und Freiheit sind ohne Frage meine Ideale! Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin.

Es ist nicht mehr trendy, bedürftig und abhängig zu sein.

Wir alle wollen Selbstliebe. Und wir alle wollen Freiheit. Freiheit ist sexy. Und Freiheit macht uns sexy. Beide Attribute scheinen uns auf dem Dating-Markt von unserer Schokoladenseite zu präsentieren. Die „Generation Y“ idealisiert den freien, selbstbestimmten Liebenden und belächelt das Attribut der Abhängigkeit als altmodisch und nicht mehr dem Zeitgeist entsprechend.

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Auch wir Spiris machen fleißig mit. Auf einem schier unendlichen Selbstliebe-Trip bemühen wir uns rege, Ganzheit in uns selbst zu finden und radikale Eigenverantwortung für unser Glück zu übernehmen. Dieser Ansatz ist in der Theorie richtig und unglaublich heilsam. Die Sache hat allerdings einen Haken. Wie immer ist das Ego ein Meister darin, die Herzensessenz jeder spirituellen Wahrheit in ein oft unbarmherziges Dogma entarten zu lassen, das uns auf unserem Weg in die Liebe blockiert anstatt uns weiterzubringen.

So entartet das  Mantra „Ich bin mir selbst genug“ zu einem Kampf gegen unsere Bedürftigkeit.

Diese so völlig natürliche menschliche Qualität in das Schattenreich unseres Unterbewusstseins verdrängt wird. Machen wir uns bei allen spirituellen Selbstliebe-Idealen mal nichts vor: Wir alle tragen diese verletzlichen kindlichen Anteile in uns, ja ein Inneres Kind, das sich unglaublich stark nach Zuwendung, Liebe und Anerkennung im Außen sehnt. Und ja. Wir können ihm viel davon selbst geben, indem wir Verantwortung für uns selbst und unsere eigenen Bedürfnisse übernehmen, indem wir unsere schmerzhaften Muster und Blockaden liebevoll anschauen und sie in die Heilung bringen. Dass niemand anderes diesen Weg für uns gehen kann, kein Partner dieser Welt unser Heiler sein kann, ist völlig richtig. Doch ist es wirklich ein Akt der Selbstliebe, ja unserem Streben nach Ganzheit in uns selbst zuträglich, wenn wir dieses Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung aus unserem Leben verbannen? Ich glaube nicht. Im Gegenteil.

Schließen wir aus unserer Selbstliebe jene verletzlichen, bedürftigen Anteile aus und fokussieren uns starrsinnig auf unser strahlendes, starkes, in sich selbst ruhendes Selbst, ist unsere Selbstliebe nicht vollkommen.

Sie ist eine Fassade, die vom spirituellen Ego genährt wird und uns falsche Unabhängigkeit und Sicherheit verspricht. Wahre Selbstliebe umarmt unsere Verletzlichkeit. Umarmt unser Bedürfnis nach Liebe. Und ist auf Basis dieser Vollkommenheit jederzeit bereit in die Presche zu springen, wenn wir uns ungeliebt und abgelehnt fühlen. Sie fängt uns auf. Trägt uns zurück in den Frieden. Und lässt uns liebevoll und doch konsequent unser Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung kommunizieren.

Schließen wir Frieden mit unserer Bedürftigkeit, ja verinnerlichen den Glaubenssatz, dass wir auch dann vollkommen liebenswert sind, wenn wir dringend Liebe und Zuwendung brauchen und in Krisen nur wenig zu geben haben, sind wir auf unserem Weg in die eigene Ganzheit und die bedingungslose Selbstannahme ein großes Stück weitergekommen.

Dies sollte kein Freischein für dich sein, deine Verantwortung abzugeben. Den Weg musst du selber gehen! Doch es ist ein Riesenunterschied, ob du Partner und Freunde hast, die dich in deinen schwachen Phasen anfeuern und liebevoll unterstützen oder als Spiegel auf deinen eigenen Unfrieden mit deiner momentanen Verletzlichkeit auf Distanz gehen.

Es gibt Zeiten, in denen du dir nicht selbst genug sein musst!

In denen du dich ruhig trösten, tragen und stützen lassen darfst. In denen du dich liebevoll berühren lassen sollst. Zeiten, in denen Selbstliebe nicht bedeutet, stark und unabhängig zu sein sondern deine Verletzlichkeit zu würdigen und dich für Mitgefühl und Zuwendung zu öffnen.

In diesen Zeiten darf das Selbstliebe-Mantra „Ich bin mir selbst genug“ eine entscheidende Erweiterung erfahren:

Ich bin mir selbst genug und erlaube mir deswegen, mein Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung liebevoll anzunehmen und zu kommunizieren.

 

Happy loving,

Dein Ludwig

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