Ich sitze mit 20 Menschen in einem Raum. Wir sind alle nackt. Mir gegenüber hockt ein Mann Mitte 40, den ich bis gestern noch nicht kannte. Wir schauen uns in die Augen. „Was mache ich hier eigentlich?“ frage ich mich. „Ich muss doch vollkommen verrückt sein!“ Ich merke, dass ich Angst habe. Was wird passieren? Was denkt er wohl von mir? Was würde meine Mutter sagen, wenn sie mich so sieht?

Doch je länger ich meinem Gegenüber mit dem wohlwollenden Blick in die Augen schaue, desto mehr entspannt sich etwas in mir. Und als der Seminarleiter irgendwann sagt: „Schaut mal, wie ihr euch berühren möchtet. Folgt euren Impulsen“, fühlt es sich ganz natürlich an, diesem fremden nackten Mann vor mir liebevoll über den Arm zu streicheln. Und mich meinen Impulsen einfach hinzugeben.

Ich lerne mich gerade neu kennen. Vielleicht so, wie ich immer schon war und mich nicht zu sein traute.

So ähnlich fühlte es sich bei meinem ersten Tantraseminar an. Ja, ich gebe es zu:

Ich habe beim Wort Tantra auch als erstes an Gruppensex und aufregende Massagen gedacht.

Doch die Lehre des Tantra ist mehr als nur eine besondere Art von Sex. Es geht darum, sich selbst kennenzulernen, mit allem, was dazu gehört und dadurch zu erfahren, dass wir mehr sind als unser Körper, unsere Gedanken und unsere Gefühle.

In guten Seminaren werden für diesen Weg der Selbsterkenntnis verschiedene Techniken angeboten: Rituale und Meditationen, Yoga, Atemübungen und Massagetechniken, die dabei helfen sollen, unsere verborgenen Potentiale freizusetzen und so zu Selbstverwirklichung zu gelangen. Dabei wird die Sexualität als eine wichtige Lebenskraft angesehen, die es zu integrieren gilt.

Das ist nicht immer nur schön. Berührungen und Lust schaffen Nähe und Geborgenheit. Aber sie können können uns auch mit anderen Gefühlen konfrontieren: mit tiefem Schmerz, Traurigkeit, Wut und Verzweiflung. Beim Tantra geht es darum, all dies als einen Teil von uns anzunehmen, es da sein zu lassen. Das hört sich leichter an als es ist: Wenn dich jemand fest im Arm hält und du spürst, dass du dich gerade sehr allein und verloren fühlst, dann kann das sehr schmerzhaft sein. Wenn du mit diesem Schmerz sein und ihn einfach fühlen kannst, dann wird es mit der Zeit ruhiger und sehr viel friedlicher in dir.

Tantra ist eine praktische Lebensphilosophie

Das Wort Tantra kommt aus dem Sanskrit und bedeutet „Gewebe“, „Zusammenhang“. Tantra akzeptiert den Menschen in seiner Ganzheit. Und sieht das Universum als ein Zusammenspiel von Bewusstsein (Shiva) und Energie (Shakti). Beides sind göttliche Prinzipien, die in Wahrheit eins sind.

Spiritualität und Eros passen nicht zusammen?

Im Tantra schon. Tantra findet, dass der Mensch, so wie er ist, vollkommen ist. Er muss seine Vollkommenheit nur noch erkennen. Dabei können ihm verschiedene Formen der Energiearbeit helfen.

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Man unterscheidet zwischen schwarzem, weißen und rotem Tantra.

Im schwarzen Tantra werden Rituale als eine Art schwarze Magie verwendet, die das Ego stärken und teilweise sogar anderen schaden sollen. Ich würde dir hiervon eher abraten.

Im weißen Tantra gibt es verschiedene Rituale wie Pujas (Verehrungsrituale), Homas (Feuerzeremonien) oder Yatras (Pilgerreisen) zu Tempeln. Weißes Tantra kann aber auch aus weniger religiös gebundenen Formen von Sadhana (spirituelle Praxis) bestehen. Alles mit dem Ziel, ein Instrument der göttlichen Kraft zu werden.

Im roten Tantra werden dafür die sexuellen Energien mit einbezogen. Es gibt verschiedene Übungen, um das sinnliche und sexuelle Verlangen zu erhöhen und auf diesem Weg die Erfahrung einer anderen Bewusstseinsebene zu machen.

Im Westen wird Tantra oft auf das rote Tantra reduziert.

Wer sich dem Thema nähern möchte, findet mittlerweile eine Menge Angebote: Tantra Massagen, tantrische Abendgruppen, Tantra-Seminare, Tantrische Sexualtherapie. Bei den meisten von ihnen geht es um Sinnlichkeit, um die Entdeckung der eigenen Lust. Es geht darum, die eigene Lust zu erforschen und die Gefühle, die mit ihr verbunden sind. Und der Raum, der hinter all dem steht.

Die Tantramassage als Ritual

Sanfte Berührungen, warmes Öl, Federn und weiche Tücher: Die Tantramassage ist ein Ritual bei dem wirklich der gesamte Körper berührt wird. Er wird als Tempel, als heilige Hülle unseres göttlichen Kerns verehrt. Du bist dabei nackt, ebenso wie die Masseurin, der Masseur.

Eine Tantramassage ist nicht identisch mit Tantra. In keiner ursprünglich tantrischen Tradition ist von Massagen oder Sinnlichkeit die Rede. Dennoch kann diese Massage, wenn sie wirklich achtsam gemacht wird, den Geist des Tantra erfahrbar machen. Sie lässt kein Körperteil aus und folgt damit einem dem tantrischen Grundgedanken, dass die Sexualität eine essentielle Lebenskraft des Menschen ist und integriert werden möchte.

Die Intimmassage für den Mann nennt sich Lingam-Massage und die für die Frau Yoni-Massage. Sie schließt auch die Vagina mit ein. Schamlippen, Klitoris werden massiert. Je nachdem, wie weit man gehen möchte. Dabei kann es zum Orgasmus kommen. Muss es aber nicht. Vielmehr geht es um die Hingabe, um das Versinken in den eigenen Empfindungen, der eigenen Sinnlichkeit, der eigenen Lust. Osho bringt es wunderschön auf den Punkt:

Hingabe ist das Geheimnis der Weisheit, denn Hingabe ist das Geheimnis der Liebe – und Liebe ist das einzige wertvolle Wissen.

Es gibt Tantramassagen für Männer, für Frauen und für Paare. Normalerweise werden Männer von Frauen massiert und Frauen von Männern. Aber für Frauen denen das zu unsicher ist, gibt es Masseurinnen, die sich auf die tantrische Körperarbeit für Frauen spezialisiert haben. Manchen Frauen fällt es einfach leichter, sich bei einer gleichgeschlechtlichen Masseurin zu entspannen und zu öffnen. Was ich sehr gut verstehen kann. Eins meiner schönsten sinnlichen Erlebnisse war eine sehr achtsame und tief gehende tantrische Massage von einer Frau. Keine günstige Angelegenheit allerdings: Eineinhalb Stunden kosten ab 140 Euro, zwei Stunden ab 180 Euro. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sucht über den Tantra-Massageverband.

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass es Körper- und Sexualtherapeuten gibt, die Tantra als einen Aspekt in ihre Traumatherapie integrieren und sich auf die weibliche sexuelle Heilung spezialisiert haben.

Wie finde ich das passende Tantra-Seminar?

Tantra boomt: Es gibt immer mehr Seminare, die einen tantrischen Fokus haben. „Tantra Basics“, „Tantra und Selbsterkenntnis“, „The Secret of Tantra“ – sind nur einige der Angebote, die es momentan gibt. Das kann verwirrend sein. Vor allem für Menschen, die sich dem Thema gerade erst annähern.

Für mich kommt es bei der Entscheidung vor allem auf mein Bauchgefühl an. Ebenso wie auf persönliche Empfehlungen. Und auf die Seminarleitung: Sind es wirklich erfahrene Therapeuten, therapeutisch arbeitende Gruppenleiter? Wie lange bieten sie bereits Seminare, Gruppen im Bereich des Tantra an? Bei wem haben sie gelernt?

Eine typische Frage, die mir oft gestellt wird: Ist man dabei immer nackt? Nicht permanent. Aber in den meisten tantrischen Seminaren werden an einem gewissen Punkt die Hüllen fallen gelassen. In wirklich guten Seminaren, geht es dabei darum, sich so zu zeigen wie man ist und die eigene Sinnlichkeit wahrzunehmen und damit zu experimentieren. Dafür muss man nicht zwangsläufig Sex haben.

Für viele Menschen ist dies eine sehr berührende Erfahrung, verstecken wir uns doch in unserem Alltag oft hinter unseren Klamotten, der Schminke. Wer bist Du ohne diese Fassade und wen möchtest Du wie berühren? Möchtest Du selbst berührt werden und wenn ja, wie? Es geht auch darum, die eigenen Grenzen zu spüren und anzuerkennen. Vielleicht sogar zu erweitern.

Und am Ende fühlt man sich meist sehr viel freier und verbundener. Mit den Menschen und allem, was ist. Und darum geht es im Tantra: Es ist weder eine Liebestechnik noch eine Ritualabfolge.

Es geht um die Erkenntnis und die Erfahrung, dass alles, dass wir alle, miteinander verbunden und frei sind.

Und das fühlt sich sehr gut an.

Tipps und ein paar Adressen zum Starten:

Auch wenn es um die Erfahrung und nicht unbedingt um das Wissen geht, kann ich dir diese Bücher empfehlen:

Wer die Welt des Tantra kennenlernen möchte, dem empfehle ich folgende Seminaranbieter. Wichtig: Schau, was dich anspricht und denk dran: Es geht nur um deine Erfahrung.

  • Diamond Lotus in Berlin: Das Tantra-Institut wurde von dem wohl bekanntesten Tantrameister in Deutschland, Andro gegründet und gilt als Entwickler der erotischen Tantramassage. Er absolvierte seine Ausbildung unter anderem am Medical Center des Dalai Lama und studierte Yoga in Poona.
  • Ilka Stoedtner ist Heilpraktikerin, Körpertherapeutin und Advaita-Tantra-Lehrerin. Sie lernte unter anderem bei Tantralehrer Andro und dem amerikanischen Sexual- und Paartherapeuten Dr. David Schnarch.
  • Secret of Tantra ist ein Institut für integrale Lebenskultur in der Nähe von Berlin um Mara Fricke-Wirth und Silvio Wirth.
  • Tantra und Selbsterkenntnis, Seminare von Dirk Liesenfeld und Sarah Lenze bei Berlin. Die beiden unterstützen Menschen seit 22 Jahren dabei, mehr zu sich selbst zu finden, sich selbst zu erkennen.
  • Ananda Wave in Köln. Gründerin Michaela Riedl leitet die Profi-Ausbildung nach den Richtlinien des Tantramassage-Verbandes e.V. und ist Buchautorin und Sexualforscherin
  • Mandelmilch und Safran Raum für Tantra und Ayurveda in Berlin. Hier gibt es ein Video zum Einblick.

Wem es mehr um eine therapeutische Ausrichtung und weibliche sexuelle Heilung – ich weiß, das ist noch einmal ein ganz eigenes Thema – empfehle ich zum Beispiel:

Viel Freude beim Ausprobieren,

deine Daniela

Fotos: Jana Reinwarth / mandelmilchundsafran.de

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