Rishikesh, Anfang März 2017. Ich schiebe quetsche mich an drei weiß gekleideten Frauen mit ebenso weißen Gewändern vorbei, um einen der letzten Plätze in dem kleinen Café mit Blick auf den Ganges zu ergattern. Die Damen gehören zu einer der vielen spirituellen Gemeinschaften, die sich um die Gurus formiert haben, die derzeit hier Satsang geben. Das sieht man natürlich. Ich nehme Platz, bestelle Nescafé mit Soja-Milch und schmunzel über die aufgeregten Mädchen in hinteren Teil des Cafés, die offensichtlich am nächsten Tag Abschlussprüfung ihres Teacher Trainings haben. Am Nebentisch unterhalten sich ein älterer Mann und ein Typ mit Dreads über Erleuchtung, das Ego und darüber, ob die gemeinsame Freundin, die gerade das Café verlassen, jetzt ihren Kaffee auch bezahlt hat und was zu tun sei, falls nicht.

Alltagsrealität in Rishikesh zur Hauptsaison im März. Was ich vor zwei Jahren als unheimlich charmant, spannend und interessant empfunden, habe nervt mich. Das kleine Örtchen platzt aus allen Nähten, die Unterkünfte sind wahlweise teuer oder sehr schäbig, es ist laut und die Straßen sind voll mit Touristen aus reichen Ländern.

Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind auf der Suche.

In Rishikesh sucht man halt in Schlabberhosen statt in Hey Honey Leggings oder schickem Boho-Outfit. Im Kern unterscheidet sich das Treiben aber nicht von zuhause: Cacao-Zeremonien, Yoga-Immersions, Chakra-Workshops, Woman Circles, Kräuterwanderungen, Aura Soma Readings und vor allem im Sommer Festivals, Konferenzen und Retreats ohne Ende. Kurz vor meiner Abreise war ich richtig überwältigt von all den Events, die dieses Jahr anstehen. Tolle Veranstaltungen, die ich einerseits gerne besuchen möchte, die mich aber gleichzeitig überfordern.

Eigentlich habe ich gar nichts gegen all die bunten Add-Ons zur spirituellen Praxis.

Im Gegenteil: Je nach aktueller Phase, shoppe ich Kräutermischungen im Hexenladen, lade meine Edelsteine im Vollmondlicht auf oder suche die Lösung meiner Probleme bei der Tarot-Karten-Legerin. Abgesehen davon nenne ich einen Yoga Blog mein Eigen, auf dem ich mit großer Freude über all diesen Klimbim und die Menschen dahinter berichte. Ich bin also mittendrin im Geschehen. Vielleicht suche ich gerade deshalb immer wieder den Sinn hinter dem sogenannten spirituellen Lebenstil.

Jedenfalls saß ich in Rishikesh, umgeben von den tollsten Yogalehrern und weisesten Meistern, wollte aber nichts lieber als mit meiner Freundin Laura am Strand sitzen, Bier im Sonnenuntergang trinken und über den Sinn des Lebens philosophieren. Mein Weiterbildungs-Vorhaben und der kompliziert im Voraus gebuchte Yogakurs interessierten mich plötzlich nicht mehr.

Alles fühlte sich an wie spirituelles Konsumieren. Wie der Versuch, das innere Loch mit Krimskrams zu stopfen.

Auf keinen Fall möchte ich irgendetwas verteufeln. Sicherlich hat der Satsang mit Mooji vielen der Rishikesh-Touristen wertvolle Einsichten beschert, bestimmt haben die Teacher Trainees eine Bombenzeit gehabt und vielleicht hat auch ein vedischer Astrologe das Leben der drei weißen Damen um wichtige Erkenntnisse bereichert. Doch als ich alles so gehäuft vor der Nase hatte, fragte ich mich in einer Tour:

Was bringt’s? Und: Brauchen wir das wirklich?

Die Antwort ist ja und nein. Dass mich nach ungefähr 15 Jahren Ausprobieren, Suchen und manchmal auch Finden nicht mehr alles interessiert, was die spirituelle Szene so hervorbringt, ist eigentlich klar. Auf der anderen Seite waren die verschiedenen Einflüsse für mich enorm wichtig auf meinem Weg. Nur so konnte ich herausfinden, was mich wirklich bewegt, welche Methoden der Selbsterfahrung für mich funktionieren und von wem ich lernen will.

Dennoch glaube ich, dass wir mit dem spirituellen Überangebot sorgsam umgehen müssen. Denn es ist so leicht, einfach nur zu konsumieren und sich immer weiter von sich selbst zu entfernen.

Auf jedem spirituellen Weg geht es um Selbsterkenntnis.

Und das eigene Selbst erkennt man nicht unbedingt besser, wenn man immer mehr drumherum anhäuft. Das ist es übrigens auch, was die Meister in Rishikesh lehren: Alles ist schon da. Das Göttliche ist nicht in einem fernen Himmel versteckt, sondern in uns. Wir müssen „nur“ lernen durch die Schichten zu schauen, die uns von unserem wahren Selbst trennen. Im Umkehrschluss heißt das:

Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger.

Doch warum machen wir dann nicht weniger? Am Ende ist nämlich nicht die Anzahl an Retreats, Ausbildungen oder schamanischen Zeremonien, sondern die Bereitschaft, sich mit den eigenen Themen auseinanderzusetzen. Das braucht Mut, Durchhaltevermögen und liebevolle Begleiter, die einen ein Stückchen begleiten, bei Bedarf einen Stoß in die richtige Richtung geben und eine regelmäßige Praxis, die aus meiner Erfahrung vor allem durch Einfachheit besticht.

So hat mir die geballte Portion Hippie-Tourismus in Rishikesh vor allem eines gelehrt: So wunderbar das Reisen ist – um mich selbst zu finden, muss ich in kein Flugzeug steigen. Ich brauche auch keine Wässerchen, Steine und Kräutermischungen. Ich für meinen Teil bin mit einer Yogamatte, einer Decke uns ein paar lieben Menschen eigentlich völlig bedient.

Die wahren Erkenntnisse haben mir Gespräche mit meiner Familie und meinen Freunden beschert. Der Yogalehrer, der mich wirklich berührt, ist seit vielen Jahren der gleiche. Und den entscheidenden Unterschied in Sachen Wohlbefinden macht meine eigene Praxis zuhause, die ich lange vernachlässigt, aber endlich wieder für mich entdeckt habe.

Deshalb ist das Mantra für diesen Monat ganz schlicht: Weniger ist mehr.

Frag dich, wieviel du wovon wirklich brauchst. Ist es vielleicht an der Zeit, deinen Altar mal wieder zu entrümpeln? Wäre es nicht gut, morgens gleich nach dem Aufstehen für zehn Minuten Zeit zu sitzen? Meinetwegen einfach nur mit einer Tasse Tee auf dem Balkon? Oder reicht es vielleicht, diesen Sommer bei der Lehrerin im Studio um die Ecke zu üben, anstatt mit den Stars der Yogaszene zu verreisen?

Ich werde jedenfalls das Ende der Fastenzeit nutzen, um klar Schiff zu machen. Das äußere Chaos aufräumen, um das innere zu ordnen. Herausfinden, was wesentlich ist. Denn von dort aus kann ich am besten entscheiden, welches Add-On mich diesen Sommer wirklich bereichert.

Unterschrift XOXO Rebecca_pink

 

 

 

 

 

 

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