Sadhguru. Wer in den letzten Wochen in Berlin unterwegs war, kam an den Plakaten mit dem milde lächelnden Mann mit Rauschebart nicht vorbei. Am gestrigen Sonntag war er im Tempodrom zu Gast und sollte mit der aus Joko & Claas bekannten Schauspielerin Palina Rojinski über sein neues Buch “Die Weisheit eines Yogis – wie innere Veränderung wirklich möglich ist“ sprechen.

Warum Palina Rojinski? Aber an sich echt spannend, dachte ich mir, als die Einladung der Presse-Agentur ins Haus flatterte. Zum Event in Berlin sollten wir kommen und danach auch ein Interview mit Sadhguru führen. Ein vernünftiges Budget für die Medienkooperation war auch vorgesehen.

Beeindruckt von der Tatsache, dass der Guru Blogger-Relations wirklich gut verstanden hatte, sagte ich zu. Außerdem freute ich mich riesig, einen Erleuchteten mit all meinen Fragen über den Sinn des Lebens löchern zu können und dafür auch noch Geld zu bekommen.

Die Antworten auf meine Fragen bekam ich nicht. Unter anderem, weil ich sie gar nicht erst stellte. Oder besser: stellen wollte.

Doch lasst uns von vorne anfangen.

Meine Freundin für Erleuchtungs-Gespräche Laura und ich treffen nach ewig langer Parkplatzsuche endlich im Tempodrom ein. Der erste Eindruck: Nette Leute. Unter den 2000 Besucher*innen treffen wir alte Bekannte und Menschen, die vor allem nett, teilweise hipsterig, aber ziemlich normal aussehen.

Laura sagt noch halb im Scherz zu mir: “Stell dir mal vor, wir zwei gehen da jetzt rein und treffen echt unseren Guru.” Wir grinsen breit und machen uns auf den Weg zu unseren Presse-Plätzen in der Nähe der Bühne.

Regulär hätten diese Plätze 180 Euro pro Stück gekostet. Vielleicht ein Grund, dass die Reihen des Tempodroms nur zu zwei Drittel gefüllt sind.

Glaubt man der Event-Organisatorin auf der Bühne, hat sich die Investition aber gelohnt. Man könne sich glücklich schätzen, ein Ticket ergattert zu haben, denn bald würde für ein Sadhguru-Event nicht einmal mehr die Waldbühne reichen (Anm. der Redaktion: der Zuschauerbereich der Waldbühne bietet Platz für 22.290 Personen). So ganz sicher bin ich mir da nicht, will aber gerne alles auf mich zukommen lassen.

Endlich bittet die Frau Palina Rojinski auf die Bühne. Warum Palina Rojinski? Palina erzählt kurz von ihrem aktuellen Film und was sie gerade beruflich so macht. Dann sehen wir einen kurzen Imagefilm über die noblen Taten und Abenteuer des Sadhguru. Wir sind perfekt vorbereitet, um ihn mit tosendem Beifall zu begrüßen.

Die Frau ist offensichtlich Schülerin des Sadhguru und die eigentliche Moderatorin. Nicht Palina. Denn zu Wort kommt sie nicht. Schade, sie hätte dem Gespräch sicher ein bisschen Würze verpasst.

Das Gespräch plätschert vor sich hin und dreht sich im Kern um die Frage Wer bin ich? Eine durchaus bohrende Frage, doch ich langweile mich. Meistens redet der Guru. Einmal wirft Palina die These ein, Spiritualität sei ja inzwischen auch im Mainstream angekommen und die Frau faselt irgendwas von vegan.

Laura ist neben mir tatsächlich eingeschlafen und ich frage mich, ob ich für eine solche Aneinanderreihung an Gemeinplätzen wirklich meinen geliebten Sonntagnachmittag opfern will.

Der Guru selbst ist mir sympathisch.

Ein blitzgescheiter Mann, charismatisch, witzig und enorm schlagfertig. Außerdem hat er diese besondere Aura, die nur indische, vermeintlich erleuchtete Männer mit weißen Bärten und weisen Augen haben. Deshalb versuche ich mich zu konzentrieren und etwas über die Selbsterkenntnis zu erfahren. Zum Beispiel wie das denn nun klappen kann mit der Erleuchtung im Wahnsinn des ganz normalen Alltags.

In is the only way out.

Der Guru bringt Beispiele und erzählt Geschichten, ich lausche. Er unterscheidet seeker (Suchende) und believer (Gläubige). Suchende haben verstanden, dass die Antwort in uns liegt, Gläubige suchen sie im Außen und in Gruppen. “In is the only way out!” Ja, Sadhguru, da bin ich ganz bei dir, aber warum sind wir dann hier? Und was heißt going in für meinen Alltag?

Langsam macht sich Unmut in mir breit.

Nach allem, was ich auf Sadhgurus Webseite gelesen hatte, habe ich mich auf einen bodenständigen Guru gefreut. Auf jemanden, der die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens versteht, anstatt vom erleuchteten Ross herunter zu predigen. Auf jemanden, der den Menschen von einem Ort der Weisheit ganz praktisch zu einem glücklichen und freien Leben verhelfen will.

Nach einer Stunde ist mir klar: Antworten finde ich hier nicht.

Erleuchtungs-Theorie hat mir bisher noch nie geholfen, gut durch schwere Zeiten zu navigieren. Der Gedanke, mit einem bezahlten Interview die FLGH-Crew auf Sadhguru aufmerksam zu machen, sorgt für einen dicken Knoten in meinem Brustkorb. Ich will einfach nur gehen.

Die letzten zehn Minuten kämpfe ich mit mir. Should I stay or should I go? Ich möchte mich gerne an meine Vereinbarung halten und das Interview führen. Auch wenn ich das Geld für das Advertorial innerlich schon abgeschrieben habe. Einen Go-Guru-Artikel wird es nicht geben, aber das Presse-Gespräch abzusagen, scheint mir unprofessionell.

Wir können die Antwort nicht bestimmen, aber wir können entscheiden, wen wir fragen.

Beim Q&A wird es mir zu bunt: “Trauma is caused by you“, haut der Guru ohne große Erklärungen raus. Ich muss an schlimme Missbrauchsgeschichten denken. An erwachsene Frauen, die langsam und ganz behutsam lernen mit ihren Erlebnissen aus der Kindheit zu leben und sich mit Schuldgefühlen quälen. Aus der Perspektive eines erleuchteten Gurus mag das Statement sogar wahr sein. Dabei helfen, Wunden heilen zu lassen und ein wenig Glück im Leben zu finden, wird es den Betroffenen vermutlich nicht.

Ich habe genug gehört. Ich will Sadhguru nichts fragen. Also schnappe ich mir Laura und wir verlassen die Arena.

Beim Rausgehen bleiben wir an den Merchandise-Ständen hängen.

Freiwillige Helfer*innen haben in der Zwischenzeit kupferne Kelche, Bücher und Adiyogi-Statuen aus Plastik hübsch auf den Tischen drapiert. Auch diese 90er-Jahre-Aufkleber fürs Handy, die uns vor der gefährlichen Strahlung schützen sollen, gibt es. Aus Kupfer-Bechern trinkt wahrscheinlich der Guru sein Wasser, die Statuen hat man in dem Imagefilm gesehen. Die mittelgroße kostet knapp 300 Euro.

Als wir raus in den kalten Novembernachmittag treten, macht sich Erleichterung in mir breit.

Das Event im Tempodrom kommt mir absurd vor. Ich möchte niemanden an solche Orte  schicken. Auch nicht für 1000 Euro.

Die Frage, warum die Foundation Palina Rojinski auf die Bühne geholt hat, hat sich nicht geklärt. Weil sie Yoga mag? Oder weil sie mit ihrer Anwesenheit neue Zielgruppen für den Guru begeistern sollte? Oder weil sie viele Follower auf Instagram hat? Man weiß es nicht. Ich bin jedenfalls sicher, auch Palina hat schon erquickendere Sonntag-Nachmittage erlebt.

Was mich der Nachmittag gelehrt hat: Die Wahrheit finde ich nicht in dunklen Hallen.

Sadhguru hat grundlegende Konzepte der Yoga-Philosophie einfach und verständlich erklärt. Obwohl ich großer Fan davon bin, tief in die alte Lehre einzutauchen und über Erleuchtung zu lernen, so fehlt mir hier etwas. Der Guru erklärt, dass wir einen Abstand zwischen uns Selbst und unsere Emotionen und Gedanken bringen müssen, um wirkliches Glück zu erfahren. Das mag ja alles stimmen, aber die große Frage ist doch: Wie klappt das?

Laura sagt später im Café: “Hier ging es de facto nicht um mich. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Guru ernsthaft an meinem inner wellbeing interessiert ist.” Damit trifft sie die Sache auf den Punkt. Ich habe viele Worte gehört, ohne dass sie irgendetwas in mir ausgelöst hätten.

Vielleicht bin ich einfach zu müde, vielleicht habe ich Talks wie diesen schon zu oft gehört und vielleicht steht das Event in zu großen Kontrast zu meinen Erfahrungen früher am Tag.

Denn eine echte spirituelle Erfahrung habe ich morgens auf der Yogamatte gemacht.

Im Asana-Intensive mit dem genialen Yogalehrer Pankaj Sharma erkundete ich am Wochenende die Feinheiten verschiedener Asanas. Mit dem Ziel Leichtigkeit, Balance und Freude in der Praxis zu finden.

Am Sonntagmorgen klemmte Pankaj einen Besenstiel zwischen Kopf und Arme und ließ mich Drop-Backs üben: Aus dem Stand sollte ich mich nach hinten beugen und in Urdhva Dhanurasana landen. Wegen eines schmerzenden Handgelenks hatte ich über ein Jahr kein volles Rad geübt. Doch trotz großer Zweifel und latenter Panik landete ich leicht, glücklich und frei von Schmerzen auf meinen Händen.

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Ohne Besenstiel. Mit Pankaj.

Pankaj hat mir gezeigt, dass ich zu viel mehr fähig bin, als ich denke. Mit einem Besenstiel.

Er hat etwas in mir gesehen, das ich selbst noch nicht sehen konnte. Er hat mich mit Werkzeugen versorgt, die mir eine neue Erfahrung ermöglicht haben. Und er war da, um mich im Notfall aufzufangen. Somit hat er das Guru-Prinzip ganz praktisch umgesetzt und mir gezeigt, wie ich meine Grenzen ausdehnen kann – anstatt mir zu erzählen, dass es möglich ist.

Vielleicht ist die Zeit der Gurus auf großen Bühnen wirklich vorbei.

Es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen für sich und das eigene Handeln. Es ist an der Zeit, die Augen zu öffnen für die kleinen Gurus, die Tag für Tag für etwas Licht im Dunkeln sorgen.

Sogar Sadhguru selbst hat es gesagt: Wir müssen selbst die Umstände so gestalten, dass sich unser volles Potenzial entfalten kann. Was das genau bedeutet, hat er uns nicht verraten. Dafür muss ich wohl seinen Onlinekurs kaufen.

Auf den Weg zur Selbsterkenntnis zählt nur die eigene Erfahrung.

Hör dir an, was schlaue Gurus zu sagen haben, ehre sie, übe Yoga, meditiere und studiere die großen Schriften. Doch vergiss dabei nie: Am Ende entscheidest du. Hinterfrage und prüfe, was dich wirklich zufrieden und glücklich macht. Denn was dich in besseren Kontakt mit dir Selbst bringt, kann am Ende nur eine*r beantworten: DU SELBST.

In is the only way out.

Der Bericht spiegelt meine subjektiven Beobachtungen wieder. Mein Eindruck ist, dass das Format des Events insgesamt unglücklich gewählt war und die eigentliche Botschaft des Sadhguru nicht transportieren konnte. Die Pressetickets haben wir kostenlos erhalten, die Bezahlung für einen Artikel habe ich genauso wie das Interview mit Sadhguru abgelehnt.  Dieser Artikel enthält einen Affiliate-Link. Ich danke dem Presseteam der Isha Foundation sowie muxmäuschenwild für die gute Betreuung. 

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