Auf meine Frage, was wirklich relevant war in der Zeit seit unserem letzten Interview, antwortete Patrick ohne zu zögern: „Die Geburt meiner Tochter.“ Denn wenn der frisch gebackene Papa nicht gerade in der Weltgeschichte unterwegs ist, um seine Magie auszuüben, wechselt er zur Zeit vor allem Windeln, kocht Baby-Brei und übt sich in (unfreiwilligem) Schlafentzug.

Mit der Eröffnung seines ersten Patrick Broome Yoga Studios im Herbst 2014 betrat Patrick auch beruflich Neuland: Nach 20 Jahren Jivamukti Yoga war es für ihn an der Zeit, eigene Wege zu gehen. Wie das für ihn gelaufen ist und wie es ihm seitdem so erging, wollte ich genauer wissen. Ein Gespräch mit einem ziemlich zufriedenen Patrick Broome

Seit unserem letzten Interview ist ordentlich Zeit vergangen. Was war seitdem so los?

Mittlerweile gibt es drei Patrick Broome Yoga Studios, die inzwischen echt gut laufen. Ich denke, das liegt auch daran, dass wir uns inzwischen ganz gut gefunden haben. Wer wir sind, was wir unterrichten wollen. Außerdem habe ich einen schönen, bunten Haufen an Lehrern und Lehrerinnen, die aus ganz verschiedenen Stilrichtungen kommen. Mit all dem bin ich sehr zufrieden. Ich fühle mich frei und glücklich.

Patrick Broome Amiraplatz

Du sagst, ihr habt euch gefunden. Was ist die Philosophie hinter deinen Studios?

Alle dürfen sie selbst sein. Es ist total auffällig, dass die Klassen am erfolgreichsten sind, die von Lehrern mit einem klaren Profil unterrichtet werden. Also diejenigen, die wissen, was sie wollen, wo sie hinwollen und wie sie unterrichten. Gerade diese Verschiedenheit ist es, die uns ausmacht. Da ist zum Beispiel Nella, die sehr technisch unterrichtet, Bitta, die eher therapeutisch unterwegs ist, ein paar Leute, die ein bisschen mehr Gas geben und Ranja und Flora, die eher ruhigere Stunden machen. Die besonderen Qualitäten der einzelnen Lehrer konnten sich in den letzten Jahren entwickeln und werden auch von den Schülern wahr- und angenommen. Das finde ich sehr schön.

Nochmal einen Schritt zurück: Wie findet man sich denn selbst?

Ja darum geht es doch im Yoga. Ich denke, das wahre Selbst ist so etwas wie die entspannte Version vom gleichen Menschen. Nachdem ich mich entschlossen hatte, mein eigenes Ding zu machen, war ich ein Jahr ganz schön am Rödeln und hauptsächlich um Abgrenzung zu Jivamukti bemüht. Das hat alles überhaupt nicht funktioniert. Als ich dann angefangen habe, alles wieder ein bisschen lockerer zu sehen und die Wut verdampft war, konnte sich alles auf eine angenehme Weise entspannen. Irgendwann war dann auch klar, dass sich die Studios auch wirtschaftlich tragen und es kein neues finanzielles Desaster wie damals in Berlin geben wird.

Ich denke, das wahre Selbst ist so etwas wie die entspannte Version vom gleichen Menschen.

Diese Grundentspannung sorgte für gute Stimmung bei mir und auch im Studio bei den Lehrern und Lehrerinnen. Plötzlich waren die Klassen voll, was alle darin bestätigte, authentisch das zu unterrichten, was sie für sinnvoll erachten.

Wie unterstützt du die Lehrer*innen darin, ihren eigenen Stil zu finden? Gerade am Anfang geht das mit der Kreativität ja oft nach hinten los.

In unseren Teacher Trainings unterrichten wir auch den Spiritual Warrior aus dem Jivamukti Yoga. Das System von Sharon und David ist genial und der Warrior ist für mich das Knochengerüst einer guten Yogaklasse, das man auf alles anwenden kann. Wenn die Auszubildenden das verstanden haben, nicht nur geistig, sondern durch das Üben auch körperlich, dann habe sie eine solide Basis, von der aus sie starten können.

Grundsätzlich mische ich mich kaum ein in den Unterricht unserer Lehrer. Ich finde es gut, wenn sie ihre Einflüsse aus anderen Stilrichtungen oder Erfahrungen mit einbringen. Die einzige Vorgaben, die ich mache: Mindestens sieben, lieber zehn, Minuten Savasana mit zugezogenem Vorhang. Außerdem freue ich mich, wenn die Klassen mit Ashtanga bzw. Jivamukti Sonnengrüßen starten und von dort aus weitergehen. Der relativ ähnliche Anfang aller Klassen sorgt einfach dafür, dass sich die Schüler geborgen fühlen, weil sie die Sequenz schon kennen und dadurch offen sind für alles, was kommt.

Eigentlich wolltest du dich auf die Yogalehrer*innen konzentrieren, die es schon gibt. Was ist aus den Weiterbildungen geworden?

Ja, das ist genau in die andere Richtung gelaufen. An den Weiterbildungen war das Interesse relativ gering. Für die Ausbildungen hingegen rennen uns die Leute die Bude ein: In der aktuellen Ausbildung sind 60 Leute, die nächste ist auch schon fast voll. Manchmal muss man eben ein Konzept loslassen und sich eingestehen, dass etwas anderes gefragt ist. Das Spannende ist, dass jetzt, wo wir ungefähr 200 Lehrer und Lehrerinnen ausgebildet haben, das Interesse an den Weiterbildungen wieder wächst, weil sie mit uns weiter und tiefer gehen wollen.

Deshalb starten wir gerade mit verschiedenen Weiterbildungsseminaren. Yin Yoga und Yoga-Therapie zum Beispiel. Wahrscheinlich braucht es erst einmal die Zeit des Findens und des Vertrauensaufbaus in der Grundausbildung, damit man dann gemeinsam weitergehen kann.

Damals meintest du auch, du würdest nichts von Yoga-Philosophie halten. Auf der anderen Seite kennst du dich bestens damit aus. Wie kommt es zu diesem Missmut?

Lange Zeit wurde die Yoga-Philosophie auf eine unheimlich verkopfte Weise gelehrt. Das ist nicht meins. Erst durch die Bücher von Ralph Skuban habe ich wieder Freude daran gefunden. Ralph hat die Yoga-Philosophie einfach und alltagstauglich interpretiert statt viel über Erleuchtung zu philosophieren. Yoga ist aus meiner Sicht ein relativ simples System, sich zu entspannen und zu dem zu finden, worum es geht. Das kommt in Ralphs Büchern gut rüber. Ich spreche inzwischen wieder gerne über Energie, die Koshas, Chakren und solche Dinge. Aber angewandt, nicht abgehoben.

Yoga kann dich in die Freiheit führen. Es kann dich aber auch in ein inneres Gefängnis bringen. Es ist deine Intention, die bestimmt.

Mit deinen Yogaklassen berührst du Woche für Woche viele Menschen. Was ist dein Geheimrezept?

Das weiß ich nicht ganz genau. Hier ist eine Vermutung: Abgesehen von einem sinnvollen Sequencing, versuche ich die Klasse ganz ohne Druck aufzubauen. Fordernd ja, aber es gibt kein Muss. Mein Eindruck ist, dass die Leute dann viel freier sind, auch mal an ihre Grenze zu gehen. Wenn dich jemand berührt mit seinem Unterricht, nicht nur körperlich, sondern auch emotional, dann fällt dir alles leicht. Wenn alles auf einer oberflächlichen Ebene bleibt, dann bleibt auch die Praxis dort.

Außerdem hatte ich eine gute Lehrerin. Ich habe 20 Jahre Jivamukti in meinen Zellen und wenn jemand etwas von der Arbeit mit Energie versteht, dann ist das Sharon Gannon. Menschen tiefer zu berühren und energetisch durch die Klasse zu leiten, das ist ihre Spezialität.

Man kann das also lernen.

Ja. Ich denke, es gehört ein Talent dazu, aber ich habe das ganz klar von Sharon gelernt. Noch heute, wenn ich die Leute irgendwo hinführe, fällt mir ein, wie sie etwas gemacht hat, um die Schüler und Schülerinnen tiefer mit sich in Kontakt zu bringen. Nach einer Zeit des Experimentierens sind meine Stunden ohnehin wieder mehr wie meine Jivamukti-Stunden früher. Damit fühle ich mich sehr wohl.

Was sind die anderen Einflüsse?

Viel Anusara. Die Ausrichtung im Anusara ist einfach genial, aber da fehlt mir die Energie. Meinen Unterricht bereichert es trotzdem. Für mich ist es wichtig, mich in meinem Unterricht und meinen Studios selbst verwirklichen zu können. Es gibt Funktional Training, ich kann einen Takis einladen, mit seiner unkonventionellen Art zu unterrichten, vielleicht gibt es bald Kundalini Yoga und zwischendurch jede Menge Workshops mit spannenden Lehrern. Weniger Grenzen, mehr Yoga. 

Funktional Training_PAtrick Broome

Dreht man sich bei der ganzen Selbstverwirklichung nicht irgendwann nur noch um sich selbst?

Ja klar, das gibt es. Vor allem in der Eso-Szene. Aber das ist nicht Yoga. Wenn du eine körperliche Praxis hast und interessiert bist an Freiheit, nicht an Macht, Manipulation und Einfluss, dann gibt dir die Praxis eine gewisse Kraft, die du dann nutzt, um andere dabei zu unterstützen, in ihre Freiheit zu finden.

Während ich unterrichte, geht es überhaupt nicht um mich. Es geht um die Schüler. Das kannst du natürlich auch andersrum drehen. Letztens kam eine Schülerin mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „DJs are no Rockstars“ in meine Klasse. Ich finde das genial und hätte das Shirt gerne mit „Teachers are no rockstars“. Das heißt: Es geht nicht ums kleine Selbst. Es geht darum, sich als das Kleine zu spüren und eingebettet im Großen glücklich zu werden. Und im Großen kann ich nur glücklich sein, wenn es den anderen Teilen auch gut geht.

Das heißt, das kleine Selbst hat auch eine Daseinsberechtigung?

Ja klar, das musst du dir auch ankucken, dich mit dem ganzen Mist, den du mitgebracht hast, versöhnen. Wichtig dabei ist, nicht alles zu dramatisieren und sich selbst zu bemitleiden. Es geht um eine größere Akzeptenz, darum zu sagen: „Ja, ich habe gewisse Kerben mitbekommen, aber ich stehe immer noch. Schauen wir mal, wie es weitergeht.“

Reicht da die Yoga-Praxis?

Du weißt ja, mein Plädoyer ist: Jeder Yogalehrer sollte einen Therapeuten haben.

Was kann Yoga, was kann Yoga nicht?

Yoga kann eine Menge und kann nichts. Yoga ist keine Aspirin, die man schluckt, und alles ist gut. Ich denke, Yoga kann Menschen, die sehr krank sind, dabei unterstützen durch eine schwere Zeit zu gehen. Aber Yoga allein wird sie nicht heilen können. Yoga kann eng machen, zumindest, wenn du im physischen Üben hängen bleibst. Dann geht es oft nur noch darum, was man wann isst, wie schlank oder wie stark man ist, und wer an welcher Haltung arbeitet. Yoga kann einen aber auch körperlich versöhnen mit allem, was man mitgebracht hat.

Yoga kann dich in die Freiheit führen. Es kann dich aber auch in ein inneres Gefängnis bringen. Es ist deine Intention, die bestimmt.

Vielen Dank für das schöne Gespräch und bis bald!

Patrick Broome Interview 3

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Bilder: Rebecca Randak, Alp Tigli via PR Patrick Broome