Die Hamburgerin Marlo Scheder-Bieschin ist Yogalehrerin und Foodfotografin. Seit mehr als 14 Jahren begleiten Yoga und Meditation sie durch ihr Leben. Dass auch essen Yoga sein kann, zeigt sie auf wunderbar klare und natürliche Weise in ihrem Kochbuch My Yoga Canteen – Essen lieben lernen. Das Buch hat mich gleich begeistert, denn es kommt mit wenig Schnick-Schnack, einfachen und doch kreativen Rezepten aus und ist dabei eine Augenweide. Neben Rezepten erwarten die Leser*innen aber auch inspirierende Zitate, Infos über die Grundlagen yogischer Ernährung und am allerwichtigsten: das Wiederfinden von Genuss. My Yoga Canteen schafft es, Yoga in die Küche und auf den Teller zu bringen.

Durch Yoga habe ich weitgehend aufhören können mit allem möglichen zu kämpfen und stattdessen gelernt, für mich einzustehen.

Marlo

Ich habe Marlo in Berlin getroffen. Eigentlich wollen wir etwas essen gehen, aber dann kommen wir am veganen Eisladen nicht vorbei. Und so sitzen wir an einem herrlichen Sommerabend auf einer Holzbank und reden, bis die Sonne schon längst untergegangen ist, über Yoga, Essen und das Leben. Dabei lerne ich eine Frau kennen, die auf bewundernswerte Weise ihren eigenen Weg gegangen ist.

Liebe Marlo, du bist selbst Yogalehrerin – Was bedeutet Yoga für dich?

Yoga ist die ethische Grundlage meines Lebens. Ich bin mit dem christlichen Glauben und in der Natur groß geworden. Nur die Geschichten mit der Sünde, der Schuld und dem Jesus am Kreuz behagten mir nicht. Später beschäftigte ich mich mit Kirche und Politik, und Yoga kam in mein Leben. Da wurde mir warm ums Herz: Es gibt eine wunderbare Ethik, die die Grundideen aller Religionen beinhaltet, aber keine Religion ist. Es gibt keine Yogasünde und keine Yogapolizei. Die Praxis der Asanas (Haltungen) ist ein wunderschöner Bestandteil meines Tages, aber alle anderen sieben Arme des Ashtanga sind ebenso wichtig und beachtenswert.

Was ist die Verbindung zwischen Yoga und Essen für dich?

Ernährung hat viele Aspekte: Neben der Zufuhr von Nahrungsstoffen, ein sicher wichtiger Teil, ist Ernährung auch ein Ausdruck meiner Lebensauffassung und eine Form von Teilnahme an der Gesellschaft. Wie, wo und was kaufe ich ein, mit wem teile ich mein Essen, wie esse ich und was esse ich. Essen spielt eigentlich fast in allen acht Armen des Yoga eine Rolle und somit kann man die yogische Ethik wunderbar daran erläutern und üben zu leben:

  • Yamas: Respekt, Gewaltfreiheit, etc.
  • Niyamas: Umgang mit mir: bin ich diszipliniert, dankbar etc.?
  • Meditation: Spüre ich beim Essen?
  • Pranayama: Atme ich?
  • Pratayahara: Nehme ich Nahrung mit allen Sinnen wahr?

>> Buchtipp: In Yoga and Vegetarianism von Sharon Gannon erfährst du mehr zum Zusammenhang von Ernährung und Yogaphilosophie

Was bedeutet eine yogische Ernährung für dich?

In erster Linie bedeutet für mich yogische Ernährung dankbar zu sein dafür, dass man genug zu essen hat. Es bedeutet, bewusst einzukaufen und das Essen achtsam und liebevoll zuzubereiten. Es bedeutet Körper, Geist und Seele Gutes zu tun und sich dessen bewusst zu sein. Es umfasst für mich auch, die sozial verbindende Komponente von Essen zu nützen, um zu geben, und meine Auffassung vom Leben zu transportieren. Sicher heißt yogische Ernährung auch vegetarische oder vegane Kost, aber dieser Aspekt ist immer im Kontext zu sehen und ich halte Respekt und Dankbarkeit für wichtiger in unserer Gesellschaft als einen militanten Veganismus. Was ist ökologisch und ethisch dann nun wirklich das bessere? Unser Leben besteht aus komplexen Zusammenhängen und das Herrliche am Yoga sind seine simplen „Grundsätze“ – was nicht heißt, das das Befolgen einfach wäre.

Was empfiehlst du, um eine yogische Ernährung in den Alltag zu integrieren?

Am einfachsten ist es sicher zu versuchen achtsam dabei zu sein, was man tut, wie man einkauft, was man kocht und wie man isst. Dabei merkt man sehr schnell, was gut oder schlecht für einen ist, was der Körper honoriert und wo er rebelliert. Dem sollte man folgen und so wird sich von ganz alleine die Ernährung einstellen, die richtig für einen ist. Klingt simpel, ist aber nicht immer einfach, denn da lockt immer wieder etwas, von dem man sich ein kleines Vergnügen erhofft, aber im Inneren weiß man, dass es nicht wirklich gut ist. Wer siegt? Kurz gesagt, ich bin Verfechterin der langsamen Veränderung, der friedlichen Koevolution von Körper und Ernährung. Alle Beziehungen, in denen man Gewalt braucht, leiden. So auch die zu unserem Körper.

Was ist die Message von deinem Buch?

Essen, lieben, lernen – mein Untertitel. Das kann man in vielerlei Hinsicht auslegen. Aber wenn wir unser Essen wirklich lieben würden und in unserem Körper unseren lebenslangen Partner sähen, dann – behaupte ich einfach einmal – hätten wir mehr Frieden, eine bessere Umwelt und weniger Krankheiten.

Du bist selbst auch Fotografin und hast unter anderem schon für Tim Mälzer Essen fotografiert. Was war dir besonders wichtig für die Fotos für dein Buch?

Essen muss natürlich bleiben. Eine Möhre ist schön und das Gericht, das diese Möhre umgibt, sollte mindestens genau so schön sein. Es muss schöne Farben, Formen und interessante Konsistenzen haben. Jeder kann das herzaubern – und: koche nicht mein Rezept, sondern dein Essen!

Das ist Marlo definitiv gut gelungen. Für dich haben wir zwei Rezepte aus My Yoga Canteen ausgewählt, die sich ganz einfach zaubern lassen.

Rezept #1: Besser als Brot36_My_Yoga_Canteen_Besser_als_Brot

Ergibt 1 Laib | vegetarisch, mit Kokosöl auch vegan

  • 135 g Sonnenblumenkerne
  • 90 g Hanfsamen, geschält
  • 65 g Haselnüsse oder Mandeln
  • 145 g Haferflocken
  • 2 TL Chiasamen
  • 4 EL Flohsamen
  • 1 TL feines Meersalz
  • 1 EL Ahornsirup
  • 3 EL Ghee oder geschmolzenes Kokosöl

Alle trockenen Zutaten in einer weichen Silikon-Kastenform vermischen. Ahornsirup, Ghee oder Kokosöl mit 350 ml Wasser in einem Messbecher verrühren und zu den trockenen Zutaten in die Backform geben. Alles gründlich miteinander vermengen. Falls der Teig zu zäh wird, noch etwas Wasser zugeben (maximal 1 TL). Die Oberfläche mit der Rückseite eines Löffels glatt streichen und den Teig mindestens 2 Stunden, besser noch über Nacht, ruhen lassen. Er ist reif, wenn er auch beim Aufbiegen der Silikonform seine Form nicht verliert. Den Backofen auf 180 Grad Umluft vorheizen und das Brot in der Form auf der mittleren Schiene 20 Minuten backen. Den Laib aus der Backform stürzen und mit der Unterseite nach oben noch einmal 30–40 Minuten backen. Klopft man am Ende der Garzeit auf das Brot, sollte es etwas hohl klingen. Und nun wird es schwierig: Das Brot muss nämlich leider auskühlen, bevor du probierst, da es sich sonst kaum schneiden lässt. Dafür hält es dann (theoretisch) bis zu 5 Tage.

Bei diesem Brot ist es wichtig, die Flüssigkeitsmenge genau einzuhalten. Wer eine normale Kastenform verwendet, muss diese so mit Backpapier auslegen, dass man das Brot nach dem Backen damit herausheben kann.

Rezept #2: Gebackener Blumenkohlsalat80_My_Yoga_Canteen

Für 6 Personen | vegetarisch, glutenfrei

  • 1 mittelgroßer Blumenkohl

Dressing:

  • Saft von ½ Bio-Zitrone
  • 4 EL Olivenöl
  • 2 EL Gemüsebrühe
  • 2 EL körniger Dijonsenf
  • 1 EL Honig
  • 1 Bund Dill, fein gehackt
  • 2 TL schwarzer Sesam, gemörsert
  • ½ TL grobes Salz

Den Backofen auf 180 Grad Umluft vorheizen. den Blumenkohl waschen und in Röschen zerteilen. Den Strunk schälen und in Würfel schneiden. Alles auf einem Backblech verteilen. Ein kleines feuerfestes Gefäß dazustellen und mit etwa 100 ml Wasser füllen. Das Ganze in den heißen Ofen schieben und 20 Minuten backen. Bei dieser Garmethode bleibt das feine Aroma des Blumenkohls besonders gut erhalten. In der Zwischenzeit Zitronensaft, Olivenol, Gemüsebrühe, Dijonsenf und Honig in ein Glas mit Schraubdeckel geben und kräftig miteinander verschütteln oder in einem hohen Gefäß mit dem Pürierstab kurz verquirlen. Den gebackenen Blumenkohl mit dem Dressing und dem Großteil des Dills vermischen und etwa 2 Stunden bei Zimmertemperatur marinieren. Vor dem Servieren den restlichen Dill, den schwarzen Sesam sowie das grobe Salz darüber geben.

Blumenkohl war 2015 der neue Star in der Kohlfamilie. Er ist reich an Vitamin C, Ballaststoffen und Folsäure. Wie in allen Kohlsorten stecken in ihm viele sekundäre Pflanzenstoffe, die sich förderlich auf die Gesundheit auswirken. Zu nennen wäre Indol-3-Carbinol, das als Anti-Östrogen fungiert und offenbar das Wachstum von Tumorzellen in der Prostata und der Brust verhindern kann. Außerdem steht Blumenkohl ganz oben auf der Liste der basischen Lebensmittel und 100 Gramm haben nur ganze 25 Kilokalorien. Der Strunk und vor allem die Blätter sollten ebenfalls gegessen werden. Überhaupt: dichte, knackige Blätter um den Kohlkopf sind das beste Zeichen für wahre Frische.

Marlo veranstaltet übrigens Retreats mit Yogapraxis, Achtsamkeitsübungen und Workshops zu yogischer Ethik. Ihre Botschaft ist immer wieder:

Man kann nur Yogi sein und nicht Yogi tun. Mehr atmen, weniger denken.

Bildnachweis: © Marlo Scheder-Bieschin

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