Insta-Mamas: Inspiration oder Wahnsinn?

Ich gebe es zu: Auch ich bin eine Instagram-Mama. Ich fotografiere Szenen meines Mama-Daseins und poste sie. Die Insta-Welt lässt mich kreativ sein, ich kann was erleben ohne wirklich rauszugehen und manchmal bin ich auch richtig überfordert.

Claire ist grad mit ihren drei Kindern auf Bali und genießt die Sonne. Dori hat Probleme beim Abstillen. Emma freut sich, dass sie drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes wieder ihre alte Figur hat und Esther kredenzt ihren drei Kindern jeden Morgen ein liebevoll gestaltetes Früchte-Mandala.

Ein Klick zwischen Herd und Waschmaschine

Viele Mütter scheinen für Instagram zu leben. Sie posten mehrmals am Tag. Die Bilder sehen bedacht arrangiert aus. Die Insta-Storys sind voll. Der Reiz des Instatums ist nachvollziehbar. Früher saß man mit seinen Kindern den ganzen Tag alleine zuhause rum. Machte den Haushalt. Besuchte vielleicht die Nachbarn oder eine Krabbelgruppe, ansonsten machte man den Haushalt und wartete auf den Papa. Mit Instagram können wir in der Welt sein. Wir können sehen und gesehen werden, uns bestätigen lassen, Input bekommen. Ein kleiner Kick zwischen Herd und Waschmaschine. Ich kenne dieses Gefühl gut. Ja, auch ich poste über mein Mama-Dasein. Ich kann ein bisschen kreativ sein. Meine Erlebnisse verarbeiten. So halt.

So liegt @marylauren auf der Couch. Und so wir.
So liegt @marylauren auf der Couch. Und so wir.

 

Es gibt mittlerweile unendlich viele Mama-Accounts bei Instagram. Einige Mütter betreiben das Ganze richtig professionell, wie diese Mama-Blogger aus den USA lovetaza (405.000 Follower) , bleubird (247.000 Follower) und Joanna Goddard (93.800 Follower). Es gibt die perfekt durchgestylten accounts wie dancewithdirtyfeet oder tessahop. Über 50.000 Follower hat diese Mama, deren zuhause und Kinder immer aussehen wie aus einem Katalog für schwedisch minimalistische Inneneinrichtung. Und die witzigen wie jetsetmama deren Bilder nicht ganz so perfekt aussehen, die aber unheimlich lustig über ihre Mamadasein schreibt. Ich habe in ihr eine Leidensgenossin gefunden. An Tagen an denen mich mein Sohn in den Wahnsinn treibt, schaffen ihre posts es, dass ich wieder den Humor in all dem sehe.

Mittlerweile gibt es auch etliche deutsche Insta-Mamas. Wie zum Beispiel frau_brummkreisel, oh_ wunderbar, lifelovewife oder new2berlin. 

 Ordentliche Kinderzimmer und schneeweiße Wände

Man bekommt was mit, von den Mamas auf der Welt. Zumindest meint man das. Denn oft ist es so, dass ich meinen Alltag als Mama in den Bildern auf Instagram nicht wieder finde. Hübsche Kinder in schicken Klamotten, die brav auf ihrem Stuhl sitzen und ihr Obstmandala essen. Mamas, die vier Wochen nach der Geburt schon wieder gertenschlank sind und wie Modells mit ihrem Säugling im Tragetuch posieren. Ordentliche Kinderzimmer, alles fein sortiert, schneeweiße Wände, keine Krümel, keine Kacka auf dem Teppich und kein Gekritzel irgendwo. Und abends, da schlafen dann alle tief und fest. Von dem Ins-Bett-bring-Marathon, der immer müder werdenden Mama und dem immer wacher werdenden Kind ist nix zu sehen. Die schlafen alle richtig gut auf Instagram.

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@foxmeetsbear hat ein schönes Tippi. Wir auch.

Manch eine mag denken: Das ist genau richtig so. Ich brauche auf Instagram keine Realität. Im Gegenteil: Ich will hübsche Bilder sehen, die mich in meinem wenig glamouräsen Alltag erfreuen, unterhalten. Mir selbst geht es manchmal auch so. Doch dann gibt es auch Momente in denen mir diese schöne heile Welt nicht gut tut. Ich fange an, mich zu vergleichen. Ich weiß, dass ich das nicht sollte. Denn jeder Mensch und jede Mama ist einzigartig, hat ihren eigenen Weg, ihre eigene Art mit ihren Kindern zu sein. Und doch: Bei der Flut der Bilder fällt es mir manchmal schwer, bei mir zu bleiben. Alles so sauber. Alles so ordentlich. Die Kinder haben immer hübsche und nie kaputte Klamotten an. Alles ist hübsch dekoriert und die Mamas sind auch noch absolut kreativ und stellen fast wie nebenbei ihr eigenes Business auf die Beine. Wie geht das? Beziehungsweise: Was mache ich falsch? Wieso sind auf meinen Klamotten Breiklekse während eine Insta-Mama mit einem gleichaltrigen Kind immer so aussieht, als würde sie gleich eine Show auf dem Laufsteg laufen. Ich scheine zu unordentlich zu sein. Oder zu faul? Ich mag abends nicht mehr nähen. Oder stricken. Manchmal muss ich abends noch arbeiten. Oder ich bin einfach zu müde, um noch irgendetwas zu machen. Und während manche Insta-Mama die Inneneinrichtung des liebevoll gestalteten Kinderzimmers zur Schau stellt, sieht es bei uns nach einem Spielnachmittag aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

So sieht es bei @foxmeetsbear am Esstisch aus. Und so bei uns.
So sieht es bei @foxmeetsbear am Esstisch aus. Und so bei uns.

 Was wirklich zählt, ist unsere Präsenz

Inspirieren lassen, ja. Sich gegenseitig unterstützen, positives Feedback geben und den Rücken stärken: Super! Wenn dieser Mamawahn auf Instragram dazu führt, dass wir uns gegenseitig inspirieren: toll! Wenn wir uns aber weinend zwischen Wäschebergen wiederfinden, gezeichnet von der Erkenntnis, dass unsere Wohnung niemals so clean aussehen wird wie die Bilder auf Instagram und wir unsere Mama-Qualitäten in Frage stellen, dann läuft etwas schief.

„As it stands, motherhodd is a sort of wilderness through which each woman hacks her way, part martyr, part pioneer; a turn of events from which some women derive feelings of heroism, while others experience a sense of exile from the world they knew.“ Rachel Cusk

Wir leisten als Mütter so unendlich viel. Vor allem geben wir im Idealfall viel: Liebe. Alles andere ist letztlich eine Nebensache. Die süßen Outfits. Die Kinderbuchsammlung. Die hölzerne Murmelbahn. Die Waldorf-Puppe. Die selbstgestrickte Mütze. Schöne Accessoires, die das Leben unserer Kinder sicherlich bunter machen. Bunter als so ein Kinderleben ja per se schon ist. Was doch wirklich zählt, sind unsere Präsenz, unsere Achtsamkeit und unsere Authentizität. Das ist jedem klar und ich bräuchte das nicht mehr zu erwähnen? Hm. Leider kenne ich viele Mütter, die sich meiner Ansicht nach viel zu sehr mit Haushalt, ‚ich muss mal wieder was schönes mit den Kindern basteln’ und ‚ich hoffe ich singe genug mit meinem Nachwuchs’ stressen. Mit den vermeintlich wichtigen Attributen des Mama-Seins.

Die Divise sollte lauten: Alles, was Freude macht, ist erlaubt. Es ist toll, wenn Mütter für ihre Kinder nähen und stricken. Und umso besser ist es, wenn sie daran auch noch Spaß haben. Bei einer Menge Frauen ist das so. Aber nicht bei allen. Sobald das was du machst eher einem ‚ich sollte doch’ oder ‚eine gute Mutter macht das so’ entspringt, dann sei achtsam.

 Inspiration zur achtsamen Elternschaft

Und, yuhu. Auch auf Instragram gibt es Accounts, die einen auf dem Weg der achtsamen Elternschaft inspirieren können. Ganz im Sinne der amerikanischen Communitiy Tribe de Mama oder Motherhood Rising. Hier schreiben Frauen darüber, wie es ihnen wirklich nach der Geburt, wie es ihnen wirklich in ihrer neuen Rolle als Mutter geht. So gesteht zum Beispiel gypsynspice, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter sehr oft traurig gewesen ist und sehr viel Angst hatte. Angst, dass sie ihre kleine Tochter wieder verlieren könnte. Ins Leben gerufen wurde diese Community von der vierfachen Mama Katherine alias littlebirddoula. Katherine schreibt sehr berührende Texte über ihr Erleben als Mutter. Über Selbstwertprobleme, Ehekrise und der Herausforderung in Amerika in der Öffentlichkeit zu stillen. Außerdem mag ich thegivingmom, newearthmama und homeinthehive.

@dancewithdirtyfeet mag Tiere. Wir auch.
@dancewithdirtyfeet mag Tiere. Wir auch.

Auch dorideer inspiriert mich immer wieder sehr. Ich mag, dass sie sehr reflektiert über ihre Gefühle als Mutter schreibt. Zum Beispiel darüber, was sie als Mutter während des Übergangs vom Baby zum Kleinkind empfindet. Eben noch war es doch unser kleines Baby, das uns so nah war und das wir mit unserer Brust genährt haben. Und viel schneller als wir denken, läuft es auf seinen eigenen Beinen durch die Welt. Mutterschaft bedeutet Loslassen.

Was ich in den zwei Jahren meiner Mutterschaft vor allem herausgefunden habe: Was mir hilft, sind ehrliche und offene Gespräche mit anderen Frauen, mit anderen Müttern. Gespräche, die über lustige Kinder-Anekdoten, Nähtipps oder Rezepteaustausch hinaus gehen. All das ist gut. Doch ein wirklich ehrlicher Austausch über die Höhen und Tiefen des Mamadaseins, über Sorgen und Ängste, über geplatzte Träume, über traurige Tage, all das interessiert mich viel mehr. Deshalb bin ich froh und dankbar, dass es auch in Deutschland immer mehr bewusste Mamakreise wie die von Gypsie Mama gibt.

Bei @alovelyjourney wird geschaukelt. Bei uns auch.
Bei @alovelyjourney wird geschaukelt. Bei uns auch.

Denn ich empfinde es als unglaublich heilsam, mich mit anderen Frauen über ihre Erfahrungen als Mutter auszutauschen. Und mich in ihren Erfahrungen wiederzuerkennen und zu merken: Ich bin nicht allein. Nicht allein, mit den Problemen in der Partnerschaft. Nicht allein, mit der Unsicherheit einer Erstlingsmama. Nicht allein, mit der Wut, die so ein kleiner Mensch in einem auslösen kann. Nicht allein, mit der Angst so zu werden, wie die eigene Mutter. Nicht allein mit der Erschöpfung. Und wenn all das Raum hat und ich erfahren habe, dass es auch anderen Müttern so geht, dann kann ich die schöne Insta-Mama-Welt auch genießen und mich von ihr genießen lassen.

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6 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Mein Gott, Daniela, ich liebe deinen Schreibstil!! Du schreibst herzerfrischend und lebendig. Ich selbst habe noch keine Kinder (zwei „versehentliche“ Schwangerschaften, die beide in Fehlgeburten endeten in 3 Jahren Abstand, deute das als Zeichen, dass ich trotz meiner 33 Jahre noch nicht bereit bin, aber es nagt an mir), dich fast alle meine Freundinnen. Ich spüre, dass die Freundschaften mit frisch gebackenen Müttern am schönsten weitergehen, bei denen diese ehrlich erzählen, wie sie sich fühlen. Leider scheinen viele neue Mütter zu glauben, sie müssten perfekt sein oder für ihre Kinder stärker sein als je ein menschliches Wesen war. Sie trauen sich kaum nach Hilfe zu fragen oder einfach mal auszukotzen aus Angst, jemand könnte sie falsch verstehen und denken, sie lieben ihre Kinder nicht. Jeder, der diesen Frauen ein wenig den Deuck nehmen kann durch Texte, Insta-Fotos oder sonstiges verdient in meinen Augen eine Medaille, so wie jede Mama auch! Und alle, die es nicht sind. Lasst uns alle authentisch sein, uns zeigen wie wir sind als Menschen und so für alle den Druck rausnehmen. Das wünsche ich mir. Wenn ich Texte wie deinen hier lese, fühle ich wie dieser Wunsch sich nach und nach erfüllt. :) Danke.

  2. Hahaha, vielen Dank für den tollen Artikel!!! Ich vergleich mich leider auch viel zu oft, und da zieh ich immer den Kürzeren – ich richt manchmal was schön her für Instagram, und im Nachhinein komme ich drauf: „Ups, da liegt noch ein dreckiger Socken im Bild“ – oder ich hab lustige, bunte Socken an, die gar nicht hinpassen (so wie hier: https://www.instagram.com/p/BPuvbGkjpj2/?taken-by=fitgluecklich) oder man sieht, wie ich am Sessel stehe, weil ich eben auch bunte Socken anhab (https://www.instagram.com/p/BQuk8OHgs8I/?taken-by=fitgluecklich) – irgendwie hat alles mit Socken zu tun, strange, haha, darüber werd ich mal nachdenken…. Alles Liebe! Ulli

  3. Liebe Daniela,

    du schreibst mir aus der Seele!

    Die Vergleiche mit anderen (Virtuellen Personen) kenne ich nur zu gut. Zwar lese ich keine Mama-Blogs mehr, meine Kinder sind schon etwas größer, jedoch bin ich fasziniert von diversen Lifestyle Blogs.

    Beim Lesen fängt man dann automatisch an mit sich zu hadern. Tolle Einrichtung hier, super-stylisches Essen da, ständig neue (teure!) Klamotten, Ausflüge zu geilen Locations usw. Und ich friste hier mein mausgraues stinklangweiliges Dasein!

    Doch dann ging mir ein Licht auf: Die Damen haben eine Putzfrau und müssen nicht die zwei freien Werktage ihrer Woche für den Haushalt aufbringen. Meistens haben sie keine Kinder oder diese sind schon groß, also müssen sie die Nachmittage nicht mit Hausaufgaben und Freizeitgestaltung der Kids verbringen. Und dann machen Sie das HAUPTBERUFLICH und von zu Hause aus! Das ist deren Job! Ich bin 18 Stunden die Woche gar nicht zu Hause sondern Arbeiten. Letztendlich zeigt so ein Blog oft nur eine Momentaufnahme. Das Chaos das hinter dem Fotografen tobt, bekommt man ja nicht mit ;) und die meisten bloggen ja auch nicht täglich sondern arbeiten Tagelang auf einen Post hin…..

    Ich vergleiche mich jedenfalls nicht mehr! Inzwischen sehe ich mir wirklich nur noch die hübschen Bilder an und hole mir ab und an Inspirationen.

    Ich finde deine Insta-Bilder toll und mutig – so wie das wahre Leben.

    Liebe Grüße Bonnie

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