„Tantra ist die Verwandlung von Sex in Liebe durch Bewusstheit.“

Osho

Tinder und Polyamorie gehören ganz selbstverständlich zu unserem Sprachgebrauch. Und auch YouPorn und Tantra sind für unsere Generation alles andere als Fremdworte. Es wird viel über Sex gesprochen und wir leben Beziehungsformen an die unsere Großeltern nicht mal im Ansatz nachgedacht hätten.

„Erotik und Sex werden Teil der Mainstram-Erlebniskultur“, bekundet das Kelkheimer Zukunftsinstitut, dass darüber geforscht hat, wie Internet und Pornografisierung unser Beziehungsleben, unsere Sexualität vergiften. Wir konsumieren immer mehr und spüren dabei immer weniger: Was fühlt sich wirklich gut für mich an? Wie weit möchte ich gehen? Wo spüre ich meine Grenze oder die des anderen? Und werden beim Sex Schmerzpunkte aus der Vergangenheit, Traumen, bei mir berührt? Es fällt uns schwer, offen über unsere Bedürfnisse zu sprechen, oder wir haben Mühe, Sex und Herz wirklich zu verbinden.

Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, dass es in ihrer Sexualität einen Bedarf nach Heilung gibt. Doch wer sich in diesem Bereich auf den Weg machen möchte, findet viele Angebote im Bereich des Tantra, Taoismus, aber auch der westlichen Körperarbeit. Nur welche Methode ist die Richtige?

Die Berlinerin Ilan Stephani ist Therapeutin und Expertin auf dem Gebiet der weiblichen sexuellen Heilung und der Heilung von Traumata. Im Interview mit unserer Autorin Daniela Singhal spricht sie darüber wie beides zusammenhängt und wie wir unsere Sexualität über die Arbeit mit unserem Körper heilen können.

Ilan Stephani

Ilan Stephani ist Körpertherapeutin und Autorin in Berlin. Im Herbst 2017 erscheint ihr erstes Buch.

Ilan, was verstehst Du unter sexueller und unter weiblicher Heilung ?

Heilung ist der Prozess, den jeder Körper, egal ob männlich oder weiblich durchläuft, wenn er verwundet wurde. Unsere Körper und auch unsere Seelen können verletzt werden und auch wieder heilen. Bei der sexuellen Heilung geht es darum, dass wir uns bewusst unserer Lust und unserer Sexualität zuwenden. Und den Verletzungen unserer Sexualität. Die Heilung muss aber nicht über Lust und Sexualität passieren. Es geht darum, dass wir uns für eine neue Sichtweise für uns und unseren Körper öffnen. Körperarbeit kann sehr hilfreich sein, das Empfindungsvermögen zu erweitern. Aber auch Rederunden, Austauch mit anderen Menschen und das Lesen von Büchern über diese Thematik. Und vielleicht erfahren wir dann, daß wir zu mehr Lust fähig sind als wir es uns je vorstellen konnten.

Bei der spezifisch weiblichen Heilung geht es um die Wunden, die vor allem Frauen in unserer Kultur mit sich tragen. Dazu gehört für mich zum Beispiel auch der Sexismus und die extreme Objektivierung des weiblichen Körpers. Wie ich von außen gesehen werde definiert mehr über meinen Selbstwert als mein inneres Gefühl zu mir. Das ist eine spezifisch weibliche Wunde, die wir heilen können.

Gehören all die Illusionen von Sex, die uns in den Medien vermittelt werden, auch dazu?

Ja, sie dissoziieren uns von dem, was so einfach sein könnte. Wenn wir dissoziieren, bewegen wir uns in Gedanken und Bildern und einer einneren Distanz zum eigentlichen Geschehen. Das heißt, dass wir den körperlichen und/ oder geistigen Bezug zum Jetzt verlieren. Wie wenn zum Beispiel ein traumatisches Erlebnis angetriggert wird.

Statt einer einzigen eindeutigen Angelegenheit gibt es plötzlich unzählige Möglichkeiten, Spielarten und Strategien. Und wir wundern uns dann, wenn im Bett das Einfachste vom Einfachen, nämlich Lust auf Sex, nicht mehr aufzufinden ist. Wir haben eine Menge Bilder und Konzepte im Kopf und können uns nicht mehr richtig auf den Moment einlassen. Und das widerspricht einer erfüllten Körperlichkeit und einer erfüllten Sexualität.

Das geschieht doch jedem beim Sex mal, egal ob traumatisiert oder nicht.

Einer meiner Lehrer für Körpertherapie sagte dazu, er habe niemals eine Frau erlebt, die Penetration erleben könne, ohne zu dissoziieren. Womit er sicherlich nicht andeuten wollte, dass Männer im Sex nicht dissoziieren. Das es so oft passiert, macht es aber nicht besser. Oft nimmt uns das Dissoziieren einen Teil unseres sexuellen Erlebens, unserer Lebendigkeit.

Welchen Stellenwert hat denn das Thema Trauma, wenn wir über sexuelle Heilung sprechen?

Wenn ich von sexueller Heilung spreche, dann beziehe ich mich darauf nicht nur auf Menschen, die ein sexuelles Trauma erlebt haben. Egal welches Trauma uns widerfahren ist, es widerspricht einem tiefem sexuellem Erleben. Der Widerspruch ist energetischer Art: Ein Trauma bildet eine chronische energetische Kontraktion („freeze“), die wir aus unserer Vergangenheit mitbringen. Unsere Lust hingegen strebt in eine unendliche energetische Expansion („hot“) – und sie geschieht im Jetzt.

Damit meine ich nicht nur Traumata, die aus massiven Übergriffen und Unfällen hervorgegangen sind, sondern auch in ganz banalen Missverständnissen und im „alltäglichen Wahnsinn“. Wenn ein Kind immer wieder erfährt, dass seine Wut unerwünscht ist, ist das auch eine Form von Trauma. Wobei das Trauma nicht das Drama ist, sondern dass wir uns so sehr verspannen, dass es sich nicht mehr auf natürliche Weise im Körper heilen kann.

Was meinst du damit?

Häufig führt ein Trauma vor allem zu der Unfähigkeit, einen heilsamen Raum selbst herzustellen. Der Mensch neigt dazu, seine Heilung so zu behandeln, wie er damals von seinem Trauma behandelt wurde: knallhart, schonungslos, brutal. Das ist kontraproduktiv. Wer heilen will, muss ausruhen können. Dann wird Heilung ein organischer und letzten Endes schlichter Prozess („schlicht und ergreifend“). Das einzige Lebewesen, das sich schwer mit ihr tut, ist der Mensch. Unser Körper an sich – wenn wir ihn lassen – verfügt über alle Kräfte und Informationen, um unsere Traumata zu heilen.

Mit welchen Methoden arbeitest du bei deinen Frauengruppen und Seminaren?

Ich arbeite mit verschiedenen Methoden der Körperarbeit und viel aus dem Tantra und Taoismus. Mein Verständnis von Heilung beruht dabei vor allem auf der Traumaforschung von Peter Levine, dem Begründer des Somatic Experiencing. Im Fokus meines Weges der weiblichen und sexuellen Heilung liegt, dass wir oft erst einmal wieder lernen müssen, uns zu spüren, unseren Körper und seine Bedürfnisse neu kennenzulernen. Es geht viel darum, in einem entspannten Raum alle Konzepte und alles Müssen loszulassen.

In unserer Gesellschaft gehen Frauen wie Männer leider viel zu häufig über ihre Grenzen. Im alltäglichen Leben, aber auch in der Sexualität. Was damit zusammenhängt, dass wir zwar alles Mögliche machen um unseren Körper zu Trainieren, aber ihn gar nicht mehr so richtig spüren. Und unseren eigenen Wert enorm unterschätzen.

Es gibt keinen Weg zum Körper.
Der Körper ist der Weg.

Grenzen setzen ist also ein Schlüssel zur sexuellen Heilung?

Auf jeden Fall ein wichtiger Baustein. Viele Frauen, viele Menschen, müssen erst einmal wieder lernen, ganz bei sich zu sein. Und ‚Nein’ sagen zu können. Oder ‚Ich wünsche mir das jetzt aber anders’. Denn erst wenn wir gelernt haben unsere Grenzen zu setzen und sie auch zu verteidigen, können wir uns wirklich öffnen. Dann können wir wirklich entspannen, dann fühlen wir uns sicher und können uns hingeben. Wir können uns als ekstatische Wesen kennenlernen und unsere Sexualität neu entdecken. Denn Sex ist soviel mehr als sexy.

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Worauf sollte ich achten, wenn ich nach einem Therapeuten, einer Methode für meine eigene sexuelle Heilung suche?

Wenn ich heilen möchte, dann geht es weniger um die beste Methode als darum einen Ort, eine Person zu finden mit der ich mich wirklich sicher fühle. Wer eine Grenzverletzung erfahren hat, sollte jegliches Setting vermeiden, dass zu einer Re-Traumatisierung führen könnte.

Wenn ich zum Beispiel eine missbräuchliche Grenzüberschreitung von einem Mann erfahren habe, dann ist das erste Heilungs-Setting nicht, dass ich zu einem Mann in die Tantramassage gehe. Sehr wahrscheinlich fühle ich mich mit einer Frau sicherer. Das ist also ein heilsamerer Raum für mich. Denn so lange ich mich gestresst fühle, ist unser System überfordert und der Körper vermeidet den Modus der Heilung.

Es ist wichtig, dass wir uns Zeit lassen. Eine Einzelsitzung oder ein Seminar werden nicht alle deine Traumata weg zaubern. Es wird eine Weile dauern, aber es lohnt sich, denn unser Körper lässt immer mehr los, wir können uns immer weiter öffnen und werden immer lebendiger.

In ihrem Blog 100 Miles of sexual healing setzt sich Ilan Stephani intensiv mit dem Thema der sexuellen Heilung auseinander. Sie bietet in Berlin Frauenabende, Seminare und Einzelcoachings an. Mehr Informationen und Möglichkeiten zur Terminvereinbarung findest du auf ihrer Seite Kalis Kuss.

Fotos: Freestock/ Saskia Lux

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