Bis vor ein paar Jahren hatte ich keinen Zweifel daran, normal zu sein. Für Außenstehende führte ich ein nahezu perfektes Leben: Abi mit Bestnote, Psychologiestudium, Fernreisen. Innen fühlte sich das allerdings anders an: Seit meinem 13. Lebensjahr litt ich unter allen erdenklichen Essstörungen. Ein verdammt hoher Preis, den ich zahlte, um zu funktionieren. Ich war, wie die Welt mich haben wollte: überangepasst und reibungslos.

Ich gehörte zu den chronischen Ja-Sagern und vermied Unannehmlichkeiten um jeden Preis. Bis ich anfing, Yoga zu üben.

Mit zunehmender Yogapraxis wuchs auch die Kluft zwischen mir und dem Leben, das ich führte. Ich merkte: Du machst dir was vor! und machte mich auf die Suche nach mehr Authentizität, nach einem Leben, das zu mir passte.

Plötzlich wurden die “normalen” Dinge des Lebens mehr und mehr zur Herausforderung.

Ich ließ Gefühle zu und konfrontierte mich mit den Schattenseiten des Lebens. Ich kam mir selbst spürbar näher in diesem Prozess. Gleichzeitig distanzierte ich mich jedoch von meinem Umfeld und verbrachte viel Zeit mit mir selbst. Viele Tätigkeiten, die den meisten Menschen Vergnügen bereiten, empfand ich als Belastung: Shoppingtouren, gut besuchte Partys, Treffen mit Freunden und Bekannten. Die Liste der Aktivitäten, die bei mir mehr Kopfschmerzen als Glücksmomente verursachen, ist lang.

Ich isolierte mich und fühlte mich oft schuldig für mein Verhalten.

Bis ich im Yoga auf eine Person traf, die meine Erfahrungen teilen konnte. Durch sie erfuhr ich: Es geht vielen so. Die moderne Psychologie kennt für dieses Phänomen sogar einen Fachbegriff, nämlich den der Hochsensibilität.

Ich fing an mich in das Thema einzulesen und war zunächst entsetzt, wie sehr es auf mich zutraf.

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Wo andere einen Filter tragen, schleppe ich einen Trichter mit mir herum.

So in etwa kannst du dir das Phänomen der Hochsensibilität vorstellen: Die meisten Menschen grenzen sich von den Reizen der Umwelt in gesundem Maße automatisch ab. Sie sortieren unbewusst aus, welche Informationen sie aufnehmen und welche nicht. Ein Schutzmechanismus.

Anderen fehlt dieser natürliche Filter. Stattdessen prasseln Informationen und Sinnesreize ungefiltert auf sie ein. Dies kann schnell zur Überforderung führen, die sich durch physische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder allgemeines Unwohlsein bemerkbar macht.

Dabei beschränkt sich diese Sensibilität bei Weitem nicht nur auf das Hören, Sehen, Riechen, Schmecken oder den Tastsinn. Hochsensible nehmen Stimmungen und Energien viel intensiver wahr als der Rest ihres Umfelds. Ihre Intuition wird von Außenstehenden oftmals als störend empfunden, weswegen man sie auch gerne als “Sensibelchen” abstempelt.

Heute sehe ich meine Hochsensibilität als Gabe.IMG_7108 (1)

Dabei ist sie ein Geschenk, das oft viel zu spät angenommen wird. Fast jede*r Fünfte weist Merkmale von Hochsensibilität auf. Auch wenn sie gerne mal verteufelt wird, ist sie genau genommen eine Gabe. Obwohl mich meine Feinfühligkeit zunächst furchtbar angestrengt hat, habe ich im Laufe der Zeit gelernt, sie als etwas Wunderbares anzunehmen. Meine feinen Antennen gehören heute genauso zu mir wie der Hang zur Spiritualität.

Vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen hat mir gezeigt, dass sich hinter der Fähigkeit, mehr wahrzunehmen als andere, in Wirklichkeit ein riesengroßes Geschenk verbirgt. Hochsensible Menschen sind nicht zuletzt fantastische Zuhörer und ideale Partner für tiefsinnige Unterhaltungen.

Auch heute noch stehe ich ständig vor Herausforderungen. Ich habe oft den Eindruck, nicht zwischen meinen eigenen Emotionen und denen von anderen unterscheiden zu können, ein Zustand, der mich unglaublich schnell auslaugt. Und auch die eigene Gedankenwelt, die sich ständig im Kreis dreht, belastet mich. Meine Dünnhäutigkeit überfordert mich oft.

Mein Umgang mit Hochsensibilität – 5 Tipps

Aber ich habe einen Weg gefunden, damit umzugehen. Wenn du dich in dem ein oder anderen Satz wiedererkennst und nach Möglichkeiten suchst, dich besser zu fühlen, dann gebe ich dir folgende Tipps:

1) Umarme dein Geschenk und tausch dich aus

Der erste und wichtigste Schritt in ein befreites Leben ist es, die eigene Sensibilität anzuerkennen. Beschäftige dich mit dem Thema und öffne dich dafür, sofern es auf dich zutrifft. Lass deine Gefühle zu und nimm dich mit all deinen Facetten an. Begib dich auf die Suche nach Menschen, die deine Erfahrungen teilen. Du wirst sehen, dass du dich umgehend besser fühlst, denn: Du bist normaler als du denkst.

2) Verabschiede dich von Energievampiren

Gewisse Aktivitäten, aber auch der Austausch mit bestimmten Menschen, können einen manchmal ziemlich auslaugen. Kennst du solche Energievampire in deinem Alltag, die regelmäßig zu Kopfschmerzen & Co. führen? Kannst du dich gezielt von einigen lösen?

3) Pratyahara für Hochsensible

Zieh dich bewusst von deinen Sinnen zurück. Gönn dir Pausen, in denen du dich von unnötigen Reizen fern hältst. Mein Favorit: Begib dich auf einen kurzen Digital Detox. Schalte dein Handy aus und leg deinen Laptop für ein paar Stunden zur Seite. Nimm dir eine Auszeit an einem ruhigen Ort, an dem du mit geschlossenen Augen tief durchatmen kannst, um deine Batterien wieder aufzuladen.

4) Murccha Pranayama

Die verlängerte Ausatmung oder auch: Der Himmel auf Erden. Für mich der schnellste Weg zur Entspannung. Und so geht’s: Schließ deine Augen und atme tief ein. Zähl währenddessen innerlich deine Einatmung. Atme nun aus, und zwar genau 2 Zähler länger als du eingeatmet hast. Beispiel: Du hast auf 4 eingeatmet, dann zählst du beim Ausatmen nun bis auf 6.

5) Überdenke deine Laster

Alkohol, Zigaretten, oder wie in meinem Fall die Essstörung: Es gibt viele Möglichkeiten, sich selbst aus dem Weg zu gehen. Trinkst du gerne mal ein Glas zu viel, weil es wirklich so viel Spaß macht oder steckt da vielleicht mehr dahinter? Nimm deine Laster unter die Lupe und finde heraus, ob sie nicht eher ein Versuch sind, unangenehme Empfindungen zu vermeiden.

Ich bin schon sehr gespannt auf deine Erfahrungen und freue mich, wenn du sie in den Kommentaren teilst.

xoxo
Deine Franzi

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