“Ich hätte gerne den Salat mit Ziegenkäse, allerdings ohne Ziegenkäse. Könnte ich dafür etwas mehr Salat haben?” – “Für mich bitte das Schnitzel.” So oder so ähnlich laufen Bestellungen ab, wenn mein Freund und ich essen gehen.

Doch nicht nur bei der Wahl unseres Abendessens gehen unsere Vorstellungen und Meinungen oft deutlich auseinander: Ich glaube an Karma, Mülltrennung und die nicht zu unterschätzende Wirkung eines Zungenschabers. Mein Freund hingegen hält Wiedergeburt für Quatsch und erörtert dieses und andere Themen grundsätzlich gerne, indem er sie erstmal in Frage stellt; Plastik vermeiden ist gut gemeint, aber irgendwie auch naiv und bei der kleinsten Erkältung ist Aspirin der Helfer in der Not. Könnte schwierig sein, oder? Ist es manchmal auch. Auf der anderen Seite:

Gerade die Beziehung zu einem Nicht-Yogi hat meine Yogapraxis auf eine ganz andere Stufe gehoben.

Diese fünf Dinge habe ich aus meiner Bezieung für die Yogapraxis gelernt:

1. Wir können endlich unsere yogische Theorie in die Praxis übertragen

Nicht urteilen, Akzeptanz üben und den anderen als Teil dieser universellen Einheit betrachten. Wie oft habe ich mich in der Theorie damit beschäftigt und versucht, es in der Praxis bei Freund*innen, Eltern und Haustieren anzuwenden. Aber in keiner unserer Beziehungen bedarf es wohl so viel gelebten yogischen Wissens wie in unserer Liebesbeziehung.

Können wir unser Ego zurücknehmen und versuchen, den Anderen als das zu sehen, was er ist?

Nämlich ein Wesen mit Bedürfnissen, das wie jeder von uns geliebt werden will, lieben möchte und durch seine samskaras, also seine Prägungen und Erfahrungen bestimmt wird? Das mag im ersten Moment einfacher sein, wenn der Partner sehr viele Eigenschaften besitzt, die wir selber haben. Denn es gelingt uns besser, Empathie zu entwickeln, je ähnlicher uns der oder die Andere ist.

Die grundlegende yogische Herausforderung und Aufgabe ist es jedoch, ein empathisches Wesen allen gegenüber zu sein. Tieren, Menschen anderer Kulturen und eben auch Frauen/Männern an unserer Seite, die keine Yogis sind. Wer tatsächlich an persönlicher Entwicklung interessiert ist, sollte sich dieser Herausforderung annehmen und sich nicht auf den vermeintlich leichteren Weg und der Suche nach dem yogischen Spiegelbild machen.

2. Nicht jeder Yogi muss auch Asana üben

Wir Yogis versuchen ja sehr oft, die bestmögliche Version unserer selbst zu sein und erwarten das dementsprechend auch von unserem Gegenüber. Was dabei leider manchmal verloren geht, ist die viel zitierte Toleranz.

Während ich mich also immer wieder dabei ertappe, meinen Freund im Stillen für seine geringe Lust auf den nach unten schauenden Hund zu rügen, übt er sich völlig ohne Zwang in yogischen Tugenden wie Großherzigkeit, Geduld und viel Toleranz.

Nie habe ich ihn sagen hören, dass mein Verzicht auf Fleisch nervt oder dass meine schmerzende Schulter eventuell auf zu viel Üben zurückzuführen sei; und wenn ich kurz davor bin, meine Praxis schleifen zu lassen, ist er derjenige, der mich auf die Matte schickt, weil mich “das doch immer so zufrieden macht”.

3. Raus aus der Blase

Es kann sehr verführerisch sein, den eigenen Lebensradius auf einen Bereich rund um das Yogastudio zu reduzieren. Morgens üben, abends unterrichten, dazwischen mit Yogis Kaffee trinken und im nahen Bio-Supermarkt einkaufen. Obwohl ich das tatsächlich gerne mache und mich auch schnell in dieser Welt verliere, hilft es mir, immer mal wieder den Blick auf den Historiker-Alltag meines Freundes zu richten: aufstehen, ins Büro gehen oder in der Bib nach Themen recherchieren, Artikel schreiben, in Meetings gehen, mit Kolleg*innen, Student*innen, Vorgesetzten treffen.

Das eigene Lebensmodell ist nie besser oder schlechter als das des Anderen

Das hilft mir dabei, die Perspektive zu wechseln, nicht nur um mich selber zu kreisen und zu erkennen, wie exklusiv unser Yogi-Leben tatsächlich ist, wie sehr es dadurch aber auch ausgrenzt, ohne es vielleicht bewusst zu wollen. Denn ganz ehrlich: Auch der urbane Hippie-Lifestyle muss bezahlt werden, das ist etwas, was sich nicht jeder einfach leisten kann. Die Realität sieht nun mal für die meisten anders aus und verlangt nach einem festen Job in einem geregelten Arbeitsalltag.

4. Den Horizont erweitern

Ich finde es spannend, mein Leben mit einem Menschen zu teilen, der etwas macht, von dem ich absolut keine Ahnung habe. Ich bewundere ihn für seine Selbstdisziplin und seine tägliche Motivation, sich mit Themen auseinandersetzen und  sich in komplexe Dinge zu vertiefen.

Ich kann etwas lernen, das über Chaturanga und die Gita hinausgeht

Und hier schließt sich auch wieder der Kreis und zeigt, dass wir uns ähnlicher sind, als auf den ersten Blick erkennbar: Während ich durch meinen Gang auf die Matte täglich tapas kreiere (Hitze durch Disziplin, keine spanischen Vorspeisen), brennt er wiederum täglich für das Forschen und Schreiben.

Auch das ist eine wichtige Erkenntnis für die Yogapraxis: zu erfahren, dass Einheit auf Verschiedenheit beruhen darf.

5. Idealvorstellungen mit der Realität abgleichen

Im Laufe der Jahre hatte sich in meinem Kopf in etwa dieses Beziehungsideal verfestigt: mein Freund und ich starten in den Morgen, indem wir uns warmes Wasser mit Zitrone teilen, nach gemeinsamer Meditation schwingen wir uns dann aufs Rad und fahren zur Mysore-Praxis. Natürlich ist mein Freund auch Freelancer, im besten Fall Yogalehrer, so dass wir danach den Tag mit unterrichten, Soja-Cappuccino trinken und im Austausch über Sequenzen und die Philosophie verbringen.

Wir sind viel zu oft gefangen in unrealistischen Traumvorstellungen

Es lässt sich leicht erraten, dass meine Wirklichkeit seit Mai 2016 anders aussieht: heiße Zitrone ist bäh, es nervt meinen Freund, dass jeden Morgen der Wecker zur Yoga-Praxis ruft und wehe der Barista vertauscht unsere Kaffeebecher.

Wäre ein Vollblut-Yogi wirklich ein erstrebenswerter Partner?

Oder beinhaltet die Idee meines Super-Yogi-Freundes nicht auch eine Vorstellung von mir, die zwar gut klingt, aber auch weit von mir und meinem eigentlichen Wesen entfernt ist? Klar sehe ich mich im Vergleich zu meinem Freund als Hardcore-Yogi, doch in Wahrheit lasse ich gerne mal am Wochenende meine Praxis schleifen, verkürze ich meine Mediation öfter auf winzige drei Minuten und hege ich eine heimliche Liebe zu Weißwein und roten Nägeln.

Wie immer kommt es doch auch in Beziehungen auf Balance an

Das Schöne an meiner Beziehung ist: ich darf das. Ich darf undiszipliniert sein, ich darf fehlbar sein, ich darf auch mal faul sein. Und ist das nicht auch das, was ich meinen Yogaschülern predige? Balance zu finden, alles zu integrieren, auch die Seiten anzunehmen, die vielleicht nicht die beste Version unserer selbst sind.

Das ist wahrscheinlich nicht immer der schnellste Weg zur Erleuchtung, kann aber sehr zu Selbstliebe und mehr Großzügigkeit gegenüber anderen beitragen. Zwei Eigenschaften, die ich jedem unbedingt ans Herz legen möchte – ob Vollblut-Yogi oder nicht.

Wie sind deine Erfahrungen mit Yogis und Nicht-Yogis in Beziehungen? Machst du dir über das Thema Gedanken? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Alles Liebe, deine Sabine

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