„Hatha Yoga, ist das nicht die Yogarichtung, bei der man die Übungen so ewig lange hält?“ Diesen Satz bekomme ich oft zu hören und denke dann „Ja auch, aber nicht ganz.“ Was den Hatha Yoga so schwer zu definieren macht ist, dass sein Begriff heute für zwei Definitionen benutzt wird:

  1. Als Überbegriff für die meisten anderen uns bekannten Yogastile, da sie alle aus dem Hatha Yoga heraus entstanden sind.
  2. Als eigenstehender Yogastil, der sich parallel zu den anderen Stilen weiterentwickelt hat.

Wenn du in einer Yogaklasse landest, in welcher der Hatha Yoga möglichst traditionell unterrichtet wird, sowie er in Ursprungswerken wie der Hatha Yoga Pradipika (aus dem 14. Jh.) steht, dann übst du Hatha Yoga. Und wenn du in einer der Yogaklassen landest, in denen die verschiedensten bunten Yogastile, wie Ashtanga, Jivamukti oder Yin Yoga unterrichtet werden, dann übst du ebenfalls Hatha Yoga, nur halt ein bisschen verändert.

So ist der Hatha Yoga also ein sich ständig entwickelnder Yogastil, der sich immer wieder an die aktuellen Bedürfnisse der Menschen anpasst und dabei versucht, die wichtigen traditionellen Essenzen nicht zu vergessen.

Was ist Hatha Yoga?

Da der Hatha Yoga sehr alt ist, verlieren sich seine Ursprünge im Dunkel der Geschichte. Wahrscheinlich entstand er etwa im 9. Jh. n. Chr. und hatte seine Blütezeit vom 10. bis zum 15. Jahrhundert. Sicher ist, dass er keine eigen entwickelte Philosophie ist, sondern vollkommen auf den Gedanken des Tantrismus beruht. Er wurde entwickelt, um die subtilen Bewusstseinslehren des Tantra erfahrbar zu machen.

Der Tantrismus ist ein spiritueller Übungsweg, welcher den Körper mit einbezieht – was damals revolutionär war! Kurzer philosophischer Ausflug: Dem tantrischen Bild nach ist unser Körper von Energiebahnen (Nadis) durchzogen, durch die unsere Lebensenergie (Prana) fließt. Die drei mit Abstand wichtigsten Energiebahnen in unserem Körper sind Ida, Pingala und Susumna. Ida und Pingala stehen für zwei gegensätzliche Energien in uns und winden sich um Susumna die Wirbelsäule hinauf. Auf ihrem Weg treffen sie sich genau an sieben Punkten in unserem Körper und bilden Zentren mit einem großen Potential an Lebensenergie (Chakren).

Mit diesem Wissen lässt sich auch die Übersetzung von Hatha Yoga aus dem Sanskrit verstehen. „Ha“ steht für die Sonne und „tha“ für den Mond. Der Begriff Yoga selbst wird grob mit Zusammenführen übersetzt. Also bedeutet Hatha Yoga das Zusammenführen der Gegensatzpaare in uns, das Zusammenführen der beiden gegensätzlichen Energien in uns, die dann gemeinsam durch die mittlere Energiebahn Susumna die Wirbelsäule aufsteigen und zur Erleuchtung führen können – auch bekannt als der Aufstieg der Kundalini.

„Die Befreiung bzw. Erleuchtung, von der hier die Rede ist, meint ein Sichlösen aus den engen Banden des individuellen Gewordenseins in Geist und Körper in der äußeren Welt und die Heimkehr – besser das sich Auflösen – in die unermessliche Weite des göttlichen Urgrundes.“

– Anna Trökes in Die kleine Yoga-Philosophie

Das ist also das Ziel aller Hatha Yoga Techniken: Unsere Energien zu bündeln und zu lenken und damit das möglich ist, die Energiebahnen von Blockierungen zu befreien.

Um das zu erreichen werden die verschiedensten körperlichen und innerlichen Übungen praktiziert:

  • Yogischer Umgang mit der Umwelt und einem selbst (Yamas und Niyamas)
  • Körperübungen (Asana)
  • Reinigungsübungen (Kriya)
  • Atemübungen (Pranayama)
  • Gesten und Energieverschlüsse (Mudras und Bandhas)
  • Gesänge und das Lauschen auf den inneren Ton (Mantras und Nada Anusandhana)
  • Meditation (Dharana)

Bei uns im Westen angekommen ist der Hatha Yoga nach seiner langen Geschichte erst im 20. Jahrhundert. Zu verdanken haben wir das bekannten Yogis wie Swami Kuvalayananda, Swami Shivananda und Sri Krishnamacharya. Seitdem wird er immer weiter modifiziert und an unsere Bedürfnisse angepasst, daraus entstanden die vielen heute bekannten Yogastile. Manche Lehrer versuchen jedoch die Tradition mit in die Neuzeit zu transportieren und bieten Hatha Yoga an, so wie er in traditionellen Werken, wie der Hatha Yoga Pradipika oder der Gheranda Samhita (entstanden im 17. Jh.) überliefert wurde.

Hatha Yoga Vrikshasana Bettina Janssens

Was du von einer Hatha Yoga Klasse erwarten kannst:

Traditionelle Hatha Yoga Klassen zeichnen sich durch einen sehr runden Unterricht aus. Den Körperübungen wird genauso viel Gewicht gegeben, wie den Atem– und Reinigungsübungen, der Meditation und den anderen Bestandteilen des Hatha Yoga (siehe oben). Dabei werden die oft fordernden Asanas lange gehalten und in kleinen Entspannungsphasen ist immer wieder Zeit, um den körperlichen und energetischen Wirkungen der Übungen nachzuspüren. Heutzutage unterrichten viele Hatha Yoga Lehrer aber auch im Vinyasa Stil, der im Prinzip ja auch dem Hatha Yoga entsprungen sind. Auf Musik wird bewusst verzichtet, um die Wahrnehmung nicht abzulenken und der Aufmerksamkeit die Chance zu geben, von Außen nach Innen zu kehren. All das ist ganz klar darauf ausgerichtet, deinen Energiekörper zu beeinflussen.

Für wen ist Hatha Yoga geeignet?

  • Kommst du besser in Stille zur Ruhe als mit Musik?
  • Brauchst du deine Zeit in einer Haltung, um sie zu genießen?
  • Sind dir die inneren Wirkungen von Yoga wichtiger als die äußeren?
  • Möchtest du die feinstofflichen Energien in deinem Körper kennenlernen und deutlich fühlen?
  • Und möchtest du lernen, wie du diese beeinflussen kannst?Du hast fleißig genickt? Dann bist du in einer Hatha Yoga Stunde genau richtig!

Du hast fleißig genickt? Dann bist du in einer Hatha Yoga Stunde genau richtig!

Wo kann ich in Deutschland Hatha Yoga üben?

Hatha Yoga in Berlin:

Hatha Yoga in München

Hatha Yoga in Düsseldorf

Hatha Yoga in Hamburg

Weitere Tipps und Literatur-Empfehlungen:

Titelbild: ©Markus Koljonen
Bild Vrikshasana: ©Bettina Janssens