Liebe Taryn,

um den Brief zu beginnen, möchte ich dir erst einmal verraten, dass ich als leidenschaftliche Dokfilm-Liebhaberin bereits auf zahlreichen Premieren war, bei denen die Filmcrew vor Ort war um anschließend Fragen zu beantworten. Es ist immer schön zu hören, welche Motivation die Regisseurin, der Regisseur dazu bewegt haben, einen Film zu einen bestimmten Thema zu erschaffen und ich bin jedes mal mit einem guten Gefühl für das Team, deren Arbeit und den Film nach hause gegangen.

Gestern war ich mal wieder bei einer Premiere in Berlin. Ich war sehr aufgeregt, denn es ging dabei um deinen Film.

Den Film, auf den ich bereits mein ganzes Leben gewartet habe.

Im Vorfeld hatte ich so vielen meiner Mitmenschen wie möglich von der Premiere erzählt, denn ich war mir schon davor um den großen Wert des Filmes bewusst. Ich dachte darüber nach, wie es gewesen wäre, Taryn, wenn du bei diesem Screening tatsächlich in meinem Kino vor Ort gewesen wärest, um Antworten auf Fragen zu geben.

Ich sag’s dir, wie’s ist: ich wäre nicht imstande gewesen, dir auch nur eine einzige Frage zu stellen oder noch mehr Informationen verarbeiten zu können. Ich hätte dich einfach nur umarmen wollen und mich an deiner Schulter mal so richtig ausgeheult, geschüttelt und gebeutelt von von fast 20 Jahren angestauten Emotionen.

Ich bin eine 30-Jährige in Berlin lebende Frau. Ich mache selbst Filme über Frauen, die sich und ihr Leben transformiert haben. Ich bin fast immer von wunderbaren Frauen umringt, die stark genug sind, ihr Leben genau so zu gestalten, wie sie es für richtig halten.

Trotz solch wunderbarer Vorbilder ist es mir in den letzten 17 Jahren so richtig schwer gefallen, an meine eigene Kraft zu glauben.

Mich nicht konstant von Gedanken herunterziehen zu lassen, die mir suggerierten, dass eben etwas ganz und gar nicht mit mir in Ordnung sei.

In meinem Elternhaus war das Thema Schönheit mit all seinen Exzessen, Obsessionen und Verrenkungen ganz hoch im Kurs.

Sowohl meine Mutter als auch mein Vater hatten schon immer eine starke Meinung wie sie selbst auszusehen hatten, wie ihr Gegenüber, und eigentlich auch so wirklich wie die ganze Nation. „Man dürfe sich eben nicht gehen lassen“, erbten beide von ihren Eltern und sahen sich in ihrer Meinung auch durch die gesellschaftliche Meinung bestätigt. Klatschzeitschriften, wie die Bunte oder InTouch, lagen immer parat und ich kann mich an kein Kaffeekränzchen in den 90ern erinnern, an dem nicht zumindest eine Person am Tisch stöhnte, sie mache gerade Diät und wolle doch lieber keinen Kuchen. Oder eben dann nur ein gaaaanz kleines Stückchen.

Als dann noch IHRE Sorge in MEINER Pubertät dazukam, die Tochter könne sich genau jetzt zu einer dicken Frau entwickeln und ihr Leben durch Scham und den Spott anderer den Bach heruntergehen, fing ich an, ihren Sorgen, Ängsten und Überzeugungen in meinen Zellen Platz zu machen und fortan für die nächsten langen Jahre zu meiner felsenfesten, traurigen Realität werden zu lassen.

Die Autorin Laura Hirch

Diese Realität wurde mir auch fortwährend in Magazinen, Werbungen, Fernsehen und alsbald auch auf den Social Media-Kanälen gespiegelt: So wie ich aussah, war das falsch.

Und wenn ich das Problem nicht bald mal löste und durch Disziplin die Kilos verlieren würde, würde mein Leben erstmal nicht lebenswert sein.

Ich habe unwahrscheinlich viel Energie, Zeit, Geld und Hoffnung dafür verwendet, mich aus diesem Gedankenknast zu befreien.

Also saß ich da gestern im Kino, in einem Saal der gespickt war mit Frauen aller Kleidergrößen, die den doch selben Mindfuck mit mir teilten. Wir alle und noch tausende Frauen mehr in ganz Deutschland und Österreich sahen uns nun zur selben Zeit die selben Bilder an. Deine Geschichte, deine Reise und die tollen Interviews mit den unfassbar inspirierenden Frauen. Mir liefen die Tränen herunter.

Ich weinte für uns alle im Kollektiv.

Für meine Mutter, ihre Mutter, meine immer noch mit sich hadernden, schönen Tanten, meine tollen Freundinnen, für mich selbst und für meine Töchter, für die ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass sie von diesem zerstörerischen Weltbild verschont bleiben. Endlich gibt es nach all den Jahren einen Film mit der klaren Botschaft: wir leiden alle unter dem selben Weltbild, wir haben alle lange Zeit die Schönheitslüge für bare Münze gehalten, wir müssen uns alle gemeinsam bestärken und endlich aufhören, uns unzureichend zu fühlen.

Ich sage dir dies im Namen aller Frauen in Deutschland, die zu viel Hass für ihren Köper und zu wenig Selbstliebe fühlen:

Liebe Taryn, du sprichst uns aus der Seele.

Du hast ein Szenario auf die Leinwand projiziert, welches einem Psycho-Thriller oder unserem schlimmsten Albtraum entsprungen sein könnte – und dennoch ist es ein Dokumentarfilm. Ein Film aus einem Genre, das die Realität widerspiegelt.

Dein Film ist ein Meisterwerk.

Er ist bereits jetzt eine der wichtigsten Publikationen dieses Jahrhunderts. Ich habe genug Bücher gelesen, an Workshops teilgenommen, und großartigen Frauen in TED-Talks oder Podcasts zugehört, die ihrem Ärger Luft machten über diese monströse Matrix, die uns alle zu ersticken droht.

Und ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass dein Film in der Bodypositivity-Bewegung gefehlt hat.

Embrace_You Are Beautiful

Aber am meisten hat ein Film derartigen Kalibers in den Kinos gefehlt. Ist es nicht ironisch, dass Kinos hierzulande sich nur zu einem Tag, dem 11. Mai 2017, hinreißen ließen den Film zu zeigen? Ein Dokumentarfilm birgt immer noch ein gewisses monetäres Risiko für Kinos. Dennoch waren die Karten in den 200+ Vorstellungen so schnell vergriffen, dass dem Film nun noch eine weitere Woche gewidmet wird.

Ein Film, der im Kino gezeigt wird, hat immer noch einen enormen Einfluss auf unsere Gesellschaft. So sehr internetverliebt wir auch sind – in einem Raum mit vielen Fremden zu sitzen und einer kraftvollen Botschaft zu lauschen, die mit den richtigen Bildern untermalt ist, schafft Verbindung und das Gefühl ungeahnter Bestätigung gemeinsam etwtrotas verändern zu können. Denn nicht nur ich wurde eben Zeitzeuge einer wichtigen Botschaft, sondern auch noch 500 Menschen um mich herum.

Ich glaube, dass der Weg aus der Schönheitsfalle darüber führt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und das Konzept von Selbstliebe zu verinnerlichen.

In seinen eigenen Körper zu wachsen, die eigene Weiblichkeit zu ehren, den jetzigen Zustand der Figur anzunehmen und die Idealvorstellung eines Körper der Zukunft loszulassen, die uns doch nur weiterhin wie Sklaven an das unzureichende, veraltete Weltbild bindet. Es liegt jetzt an uns, das Beste daraus zu machen und mit der Evolution zu gehen, aufzuwachen und uns nicht dafür fertig zu machen, wenn wir nicht diesem einen bestimmten Ideal gerecht werden.

Wir müssen vor allem damit aufhören so zu tun, als sei alles in bester Ordnung!

Es ist nicht ok, die Scham für sich zu behalten. Es ist nicht ok, sich weiterhin etwas vorzumachen und so aussehen zu wollen wie jemand anderes! Wir müssen jetzt für uns selbst und unsere folgenden Generationen einstehen.

Liebe Taryn, mit deiner eigenen inneren und äußeren Reise hast du so viele Missstände aufgedeckt und aufgeklärt und bist für mich mit deiner warmherzigen, lieben und fröhlichen Natur die großartigste Sprecherin für eines der wichtigsten und langwierigsten Themen unserer Zeit. Du hast mir geholfen das Türchen zu meinem Käfig noch ein Stück weiter aufzustoßen und wirst noch so vielen weiteren Frauen helfen. Du wirfst ein Licht auf die Tatsache, dass wir nicht hier auf diesem Planeten sind um uns gegenseitig fertig zu machen und mehr von diesem Scheiß zu glauben, den man uns glauben machen will. Wir sind alle so verschieden und interessant und mit deiner Hilfe können wir einmal mehr erkennen, wie schön unsere Einzigartigkeit ist und wie ähnlich wir uns doch sind. Du hast mich dazu motiviert, wahrhafter zu leben, Hatern kein Gehör mehr zu schenken und mein eigenes Selbst zu befreien.

Wir können gemeinsam eine Welt erschaffen, in der es unseren Töchtern möglich sein wird, sich frei zu entfalten.

Danke für deine wichtige Arbeit, danke für deinen Einsatz, danke, dass du als eine Frau in die Geschichte eingehen wirst, die dazu beigetragen hat, Frauen wieder mehr zu befreien.

Du bist eine wahre Heldin.

In Liebe,
Laura

Hier kannst du den Film sehen:

  • Aufgrund der hohen Nachfrage haben sich viele Kinos in Deutschland dazu entschlossen, den Film vom 12.-18. Mai 2017 weiterhin aufzuführen. EMBRACE läuft in diesen Kinos.
  • Ab dem 18.5. ist der Film auf DVD erhältlich und als Video On Demand
  • Hier könnt ihr den Trailer sehen und einen bewegendes Interview mit Taryn Brumfitt und der Produzentin Nora Tschirner auf SternTV
  • Aus der Idee zum Dokumentarfilm EMBRACE ist übrigens eine ganze Bewegung geworden, von der ihr ein Teil werden könnt. Mehr Informationen findet zu BodyImageMovement ihr hier
  • Passt zum Thema: Rebeccas Artikel Zu fett für Yoga? auf FLGH

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An Open Letter To Taryn Brumfitt, Director Of The Movie EMBRACE

Dear Taryn,

to start off with this letter you must know that being a doc-film lover myself, I’ve attended dozens of first time-screenings where the film crew was on stage, answering questions form the audience afterwards. It’s nice to hear the director speak about the motivations of how and why she or he (still mostly he) made that specific film. It always made me leave the theater with a warm feeling towards the crew and an unforgettable memory of the movie itself.

Yesterday, I was again attending a premiere. Sitting in a movie theater in Berlin, I couldn’t wait for the movie to begin: your movie EMBRACE which I had publicly praised and advertised multiple times prior to the screening to make sure every one of the beautiful souls surrounding me could take part in this cultural movement.

I thought about how it would have been to be at a screening where you, Taryn, had been present for Q&A’s. To be perfectly honest: I don’t think I could have asked a single question or taken in any more information. I only know I would have wanted to embrace you. To embrace you and cry on your shoulder, trembling, shaking, letting go of emotions that were stored in my body for almost two decades.

I’m a 30-year old woman from Berlin.

I myself make films about women that have empowered themselves and transformed their lives. I am constantly surrounded by amazing women that carry the strength to live in a very conscious, self-determined way and I see all of them as my role models. Despite this empowering circle of women I struggled for 17 years to find this strength within myself and not get carried away into believing that something was terribly wrong with myself.

I grew up in a household in which both my parents were excessively obsessed with their looks.

And scared that their daughter would turn into a fat woman and therefore lead a horrible life of shame and ridicule. Turns out that by growing up with this fear those exact feelings of shame and disgust accompanied me through my teenage years and young adult life. It took an enormous amount of energy, time, money and hope to unlearn this one-sided reality and free myself from this battle. All of the time constantly being reminded (or say: poisoned) by magazines, TV ads, movies, social media, that the way I looked was not the right way. In fact, it was the wrong way and if I couldn’t finally solve this problem and show some necessary discipline to drop some kilos, my life would not be worth living.

So, yesterday, as I was sitting in the movie theater that was packed with women of all sizes but seemingly same ingrained mindfuck, I got goosebumps all over my body. Knowing that on this specific day, May 11th of 2017, there were thousands of women sitting in theaters throughout Germany, all watching EMBRACE at the same time, seeing those images, your story, your journey and wonderful interviews with those incredible strong women you picked.

I had tears running down my cheeks. I shed those tears for all of us.

For my mother, for her mother, for my still unhappy aunts, for my wonderful friends, for myself and for my daughters. Finally, after all these years there was a film with a clear message: we all suffer alike, we all have believed the beauty myth for the longest time, we all need to empower ourselves and stop worrying we’re not xyz enough.

I will say this in the name of all the women of Germany that share even the slightest form of body-hatred and lack of self love:

Dear Taryn, you spoke right from our souls.

You put onto screen a scenario that could have been a psycho-thriller version or a projection of our greatest nightmare and yet, it’s a documentary. A film genre dedicated to showing reality.

Your film is a masterpiece.

It is already one of the most necessary publishings of this century and I mean it. I read gazillions of books, attended workshops, listened to great women on TED talks or podcasts venting their rage about this monstrous matrix that is trying to suffocate us and I have come to the conclusion that your film is what was missing in the body-positive world all along. But mostly, what was missing in the cinemas. A movie that is shown in cinemas still has an enormous impact on society. As much ‚internety‘ as we all already are – sitting in a room with many strangers, looking at and listening to the same powerful message at the same time will let us feel united, empowered and inspired to an extent hard to achieve when streaming a movie on our laptops.

Therefore, it was sad to learn that Embrace was supposed to only be shown for one day. It left me with the feeling that this topic was not seen as relevant enough to be shown publicly anyway but I know that it’s still a financial risk for movie theaters to show documentaries. Luckily, tickets were sold out quickly in the 200+ cinemas and because of the high demand many cinemas have now agreed to show the movie for an additional full week. That’s great news and only shows again how big of a craving we had for authenticity.

I believe that empowering oneself from this topic has a lot to do with taking responsibility for oneself and understanding the concept of self love.

Growing into one’s own body, into one’s own femininity, accepting the present state of the figure and letting go of the future ideal that makes one a slave of the diet-industry. Not buying into the misconception we were taught and have ingrained in our systems for decades now. It’s up to us to make the best out of it, to wake up and stop beating ourselves up for not looking a certain way. We should all stop pretending that all is good. Keeping the shame for ourselves or just sharing our suffering with our closest friends is not enough. It’s not ok to starve ourselves but keep feeding into a machinery that has no other purpose but to keep us small and under control.

We should stand up for ourselves and for our later generations.

Dear Taryn, with your own inner and outer journey you proved so many misconceptions to be wrong and your warm-hearted, kind and joyous personality make you the sweetest spokesperson for one of the most important and most tedious topics of our time. You helped to open the gate of my own cage I was still trapped in, in a way, and I am sure you will help so many more women. You shine a light on the fact that we’re not here on this planet to buy into this crap anymore and waste our precious energies to try and manifest a standard that has been forcefully hammered into our minds. We’re all so different and interesting and with your help you let us see and experience our own beauty, the diversity, the light, the love. You motivated me to live more truthfully, to stand up against the haters, against the incarceration of my own individual being. And you motivated me to try and help create a world in which I want my daughters to grow up in.

Thank you for your important work, thank you for making such an impact, thank you for going down in history as a woman who helped to stop the war on forced body-imagery.

You’re a true heroine.

Love,
Laura

Anmerkung der Redaktion: Uns hat Lauras Brief Gänsehaut verschafft und Tränen in die Augen getrieben. Wenn du glaubst, dass wir einen gesellschaftlichen Wandel brauchen, eine Gesellschaft, in der Frauen mit jeder Kleidergröße, sich in ihren Körper wohlfühlen dürfen, wenn du Frauen kennst, die Lauras Worte hören müssen, dann teile diesen Artikel. Gemeinsam können wir etwas erreichen. 

Titelbild: Director Taryn Brumfitt in NYC via PR Embrace