Ein Sonntagnachmittag im Prenzlauer Berg. Ich laufe die Kastanienallee entlang, da begegnet mir eine alte Bekannte. „Heeeey, ewig nicht gesehen! Wie geht’s dir?“ Es folgen zehn Minuten wirklich netter Small Talk. „Lass uns unbedingt mal einen Kaffee trinken gehen!“ – „Ja, unbedingt!“ Ich gehe meiner Wege.

Wir beide wissen, dass wir uns natürlich nicht auf einen Kaffee treffen werden, auch wenn wir uns eigentlich gerne mögen. Irgendwie kommt dann nämlich doch immer was dazwischen. Und wenn eine*r dann tatsächlich ein paar Tage später meldet, um sich zu verabreden, dann ist die Überraschung meistens groß.

Warum sagen wir solche Dinge, wenn wir sie nicht meinen? Wieso sind Menschen überrascht, wenn man mal tatsächlich meint, was man sagt?

Statt Höflichkeitsfloskeln: Bedürfnisse aussprechen

Ich will niemandem böse Absichten unterstellen. Mir ist auch klar, dass wir oft gerne mehr unternehmen, helfen oder versprechen würden, als wir können. Tatsächlich haben wir aber keine Zeit, jedes Wochenende auf vier Partys zu gehen und bei drei Umzügen zu helfen. Nur: Woher kommt diese Fehleinschätzung?

Wir sind uns selbst nicht im Klaren, was eigentlich unsere Bedürfnisse sind. Wir planen und tun stattdessen, was wir denken, dass andere von uns erwarten. „Ich habe keine Lust“ ist ja auch nur eine Art zu sagen: „Ich habe gerade ein anderes Bedürfnis.“ Deshalb mein Appell:

Gehe deinen tatsächlichen Bedürfnissen auf den Grund, anstatt dich von Höflichkeitsfloskeln fremdbestimmen zu lassen!

Natürlich gibt es Dinge, die du aus Selbstlosigkeit, für andere oder für dein Einkommen tust. Aller Verpflichtungen kann und soll man sich ja auch nicht entledigen. Aber zum Ausgleich brauchst du dann eben auch Zeit, deinen eigenen Wünschen nachzugehen.

Mehr ehrliche (Un-)Verbindlichkeit!

Ich liebe Spontanität und die Idee, zumindest in meiner Freizeit genau das zu tun, worauf ich Lust habe; und ich bin inzwischen nicht mehr bereit, mich auf Freizeitstress einzulassen. Deshalb verabrede ich mich lieber weniger, bringe dann aber mehr Zeit mit. Oder ich lasse bestimmte Dinge offen, weil ich noch nicht weiß, ob ich überhaupt Energie haben werde. Aber wenn ich das genau so kommuniziere, stoße ich manchmal auf Unverständnis.

Wieso ist es sozial akzeptierter, sich begeistert zu verabreden und jemanden kurzfristig hängen zu lassen, als zu sagen wie es ist?

Stattdessen benutzen wir einen Höflichkeitscode, den die meisten Leute genau zu entziffern wissen; so verliert vielleicht keiner von beiden sein Gesicht. Ich wünsche mir aber, dass wir allgemein in unseren Aussagen und vor allem Handlungen verbindlicher werden. Auch wenn das manchmal, bedeutet, Unverbindlichkeit zu kommunizieren:

“Du, das kann ich gerade nicht versprechen.”

Ja, ich kann mir auch besseres vorstellen, als zu sagen „Lass uns einen Kaffee trinken gehen!“ und die andere Person antwortet „Nein, eher nicht.“

Aber vielleicht schaffen wir es ja Schritt für Schritt, uns von diesen kleinen gut gemeinten Schwindeleien zu lösen und stattdessen vielleicht mal gar nichts dazu zu sagen oder einfach zu sagen, wie es ist. Zum Beispiel, dass man es gerade nicht versprechen oder planen kann. Ich nehme das nicht (mehr) persönlich. Meine besten Freundinnen und Freunde sagen mir das nicht selten. Aber dafür kann ich mich auch darauf verlassen, dass wir wirklich verabredet sind, wenn wir es denn sind. Seit ich meine Freizeit so organisiere, bin ich definitiv entspannter und habe viel mehr Spaß.

Wer Ausreden findet, wird unehrlich. Und wer lustlos oder gestresst ist, der wird übrigens auch nie wirklich präsent sein. Es ist ok, wenn manchmal Freundschaften ein wenig auf Sparflamme köcheln, weil man gerade andere Sachen im Kopf hat. Es ist sogar ok, wenn sie ganz im Sande verlaufen, denn man entwickelt sich weiter.

Was nicht ok ist? Sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, aber dabei im tiefsten Inneren zu wissen: „Ich habe eigentlich sowieso keine Lust.“

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Ich verabrede mich weniger, dafür mit Zeit für mindestens zwei große oder drei kleine Tassen Kaffee.

Seit ich mir vorgenommen habe, verbindlich zu kommunizieren, vermeide ich folgende Szenarien:

  • Die Umstände, andere Leute oder das Wetter beschuldigen, wenn ich absage
  • Mich für meine Müdigkeit / meinen vollen Kalender / meine Bedürfnisse entschuldigen beziehungsweise mich für Dinge entschuldigen, für die ich entweder nichts kann oder die mir nicht wirklich leid tun
  • Aus Höflichkeit „Fake-Verabredungen“ treffen, die sowieso nicht stattfinden
  • Mich lang und breit beschweren, wie beschäftigt und gestresst ich bin – das habe ich mir meistens selber eingebrockt
  • So zu tun als hätte ich total viel Zeit, aber eigentlich im Kopf schon wissen, dass ich verplant bin
  • Herumdrucksen, wenn ich eigentlich schon weiß, dass ich „nein“ meine
  • Jemandem verbindlich zu- und dann spontan absagen

So versuche ich, stattdessen zu agieren:

  • Die eigenen Bedürfnisse besser einschätzen lernen: Letztes Wochenende hatte ich sechs Verabredungen und das war mir zu viel? Dann verabrede ich mich in Zukunft nicht mehr sechsmal. Wenn mir doch danach ist, kann ich immer noch spontan sein
  • Spontan sein!
  • Meine Bedürfnisse klar und ehrlich zu kommunizieren, und klarstellen, dass es nicht persönlich gemeint ist. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran
  • “Nein” sagen, ohne mich dafür schuldig zu fühlen
  • Zeit für meine Yoga-Praxis einplanen und auch in den Kalender schreiben. Dann kommt sie nicht zu kurz
  • Mehr Zeit für Verabredungen kalkulieren. Das macht mich sehr viel entspannter
  • Insgesamt einen weniger vollen Kalender und vor allem an Wochenenden viel Platz für Spontanität haben
  • Nicht mehr in der Bahn oder im Gehen essen, um meinen Zeitplan einzuhalten; Essen To Go stresst mich und bringt mich total durcheinander
  • Pünktlich sein und meinen Freund*innen und Kolleg*innen nicht ihre Zeit stehlen

Am Ende geht es genau darum: das zu sagen, was man meint, und das zu meinen, was man sagt. Und wenn ich dann doch mal aus Müdigkeit einen Plan känzle, dann wissen meine Freund*innen auch, dass es keine erfundene Ausrede ist.

Es ist nicht immer leicht, verbindlich und ehrlich zu sein, aber:

Findest du es nicht auch unfassbar schön, wenn du dich ganz einfach darauf verlassen kannst, wenn jemand dir etwas zusagt?

Wenn ich darüber nachdenke, sind das übrigens in meinem Leben genau die gleichen Menschen wie die, auf die man auch zählen kann, wenn man sie sonntags früh einfach mal anruft, um einen Tagesausflug zu machen. Unkompliziert und immer für eine Spontanaktion gut. Eigentlich interessant, oder?

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Fotos © Lydia Hersberger