Auf einmal sind sie wieder da, die alten Familiengeschichten. Sie kriechen an den Wänden des Todes empor, langsam aber stetig, eine nach der anderen. Fotos tauchen auf, die ich vorher nicht gesehen habe. Bilder, Briefe und Fakten als Zeugnisse einer traumatischen Familiengeschichte voll gespickt mit Dramatik, Geheimnissen und ungeklärten Konflikten.

„Der Tod eines Familienmitglieds wirbelt alles auf und die Orte, an denen wir einst standen, schwinden unter unseren Füßen dahin“, sagt die Schamanin und Medizinfrau Mira Michelle Jones, die ich bald aufsuchen werden.

Sie hat recht. Ich bin traurig, wütend und erleichtert zugleich. Ich habe Angst und ich fühle mich allein. Wenn Eltern sterben, fühlt sich das einfach sehr existenziell an. Zwei Wochen lang verkrieche ich mich, schlafe bis mittags, treffe kaum jemanden. Ich bin wie gelähmt. All das wollte ich gar nicht wissen. Und schon gar nicht wollte ich all das fühlen. Doch nun kann ich ihnen nicht mehr entkommen.

Deutlicher denn je sehe ich: Die Geschichten meiner Ahnen wirken in meiner Geschichte weiter.

Und ich will mich diesen Geschichten stellen und ihre Last von meinen Schultern nehmen. Deshalb möchte ich Mira Michelle Jones persönlich aufzusuchen. Es heißt, dass ihre Ahnenrituale könnten wirklich befreiend wirken.

Wir alle leben in einem Ahnenfeld

Jeder Mensch hat eine Mutter und einen Vater. Diese hatten wiederum Eltern. Jede Generation weiter zurück ist also eine Potenz der Zahl zwei. Das sogenannte Ahnenfeld besteht aus der Kumulierung dieser Personen in den Generationen. Wir alle leben also im Feld unserer Ahnen. Manch einer bewusst, die meisten von uns eher unbewusst. „Das Trauma unserer Ahnen beeinflusst auch unser Leben“, sagt Schamanin und Ahnenexpertin Mira Michelle.

Das Erbe unserer Ahnen

Alleinerziehende Mütter, missbrauchte Frauen, Untreue, Krieg, Flucht, Tod – meist umgeben schwere Themen unsere Vorfahren. „Viele Menschen sind sich nicht darüber bewusst, dass die Traumata ihrer Ahnen auch ihr Leben beeinflussen“, so Mira Michelle. Ja, wir haben viel mehr von ihnen mitbekommen, als wir denken: Die Gen-Struktur ist als wichtiger Teil zu nennen. Verhaltensweisen werden an die Nachkommen weitergegeben. Und diese haben nicht allzu oft einen direkten Einfluss auf unsere Lebensqualität.

Im Bewusstsein der heutigen Zeit gibt es jedoch wenig Platz für unsere Vorfahren. Die Achtung und Ehrung der Vorfahren sind in unserer Kultur zum Beispiel in den katholischen Totentagen im November verwurzelt: Allerheiligen und Allerseelen und bei den Protestanten im Totensonntag. Diese Feiertage verlieren aber für die meisten von uns zunehmend an Bedeutung. Damit schneiden wir jedoch ein wichtiges Stück unserer Geschichte, unseres Ursprungs ab.

Dabei wissen wir spätestens seit den systemischen Erkenntnissen des humanistischen Psychologen Bert Hellinger: Wenn die Toten nicht geachtet und ihre Geschichte nicht integriert wird, kommt die Seele der Nachfahren nicht zur Ruhe.

In Japan und auch im chinesischen Feng Shui-System spielen die Ahnen eine wichtige Rolle; ihnen wird ein Platz zur Ehrung im Haus oder im Garten eingeräumt. Und auch im Hinduismus, der religiösen Ausrichtung meiner Vorfahren, spielen Rituale rund um den Tod und die Ahnen eine wichtige Rolle. Im ‚Shraddha‘- Ritual werden die Verstorbenen jedes Jahr an ihrem Todestag geehrt. In Hindi heißt es „shraadh“ und bedeutet bedingungslose, grenzenlose Verehrung. Kinder und Enkel ehren ihre verstorbenen Eltern und Grosseltern indem sie dieses Ritual durchführen

In der indianischen Tradition des Medizinrads haben die Vorfahren mit ihrem Wissen einen festen Platz zur Unterstützung des Lebens und bei der Heilung von Krankheiten. Und viele schamanische Strömungen versuchen die Ahnen-Ordnungen mit Ritualen greifbar zu machen.

Es gibt etliche Rituale, die wir machen können, um mit unseren Ahnen in Kontakt zu treten und uns mit ihrem Erbe zu verbinden. Die auf Ahnen fokussierte Heilarbeit ist sehr kraftvoll, denn sie kann sich über das morphogenetische Feld auf alle Mitglieder des Familienclans auswirken.

Sicherlich ist ein Ahnenritual, aus welcher Tradtion auch immer, nicht per se eine Voraussetzung für ein glückliches Leben. Es gibt viele Menschen, die sehr gut leben, ohne sich mit ihrer Ahnenreihe auseinanderzusetzen. Mir erschien es jedoch in den vergangen Monaten wichtig. Warum ich mich für ein schamanisches Ritual entschieden habe? Dafür gibt es keine rationale Begründung. Ich habe aus meinem Bauchgefühl heraus entschieden.

Kein leichter Weg: So war mein Ahnenweg-Ritual

Mein Ritual findet im Harz statt und beginnt mit einem langen Gespräch. Ich sitze auf dem Sofa im Sessionraum von Mira Michelle, umgeben von Federn, Trommeln und Räucherwerk und ich erzähle von den letzten Jahren, den letzten Wochen. Von meinen Großmüttern, meinem Vater und von meiner Mutter. Sie hört mir zu und sagt, dass sie dabei meine Aura, mein Energiefeld scannt. Hier und da stellt sie eine Frage, aber die meiste Zeit rede ich.

Und dann beginnt das eigentliche Ritual. Der Ahnenweg. Ein sehr altes schamanisches Ritual, währenddessen Kontakt mit den Ahnen aufgenommen wird mit dem Ziel, von ihnen übernommene Traumata zu heilen.

Wir stehen jeder an einem Ende eines Teppichs, zwischen uns ein Schaffell. In meiner rechten Hand halte ich einen Stein. „Ich werde mich gleich mit der Energie deines Vaters verbinden. Dann wissen wir, um welche Themen es geht“, sagt Mira. Ich bin skeptisch, aber ich will mich darauf einlassen. Denn ich habe gelernt: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unserer menschlichen Ratio nicht erfassen können. Dinge, die sich unserem Vorstellungsvermögen entziehen, die aber dennoch wirken.

Heilsamer Hokuspokus

Und dann fährt die Energie meines Vaters ins Mira Körper, was ein wenig sonderbar aussieht. Ich soll nach vorne auf sie zugehen, so weit wie es mir möglich ist. Ich stehe wie angewurzelt auf der Stelle und spüre einen starken Widerstand in mir.  „Das ist doch alles Quatsch. Humbug. Hokuspokus“, sagt etwas in mir. „Na und wenn schon“, flüstert eine andere Stimme, „ich habe schon so viel ausprobiert. Warum nicht das auch noch?“.

Also gehe ich. Wie besprochen, einen Schritt nach vorne und dann noch einen weiteren und reiche ihr einen Stein und sage: „Ich gebe dir die Verantwortung für das ungelöste Trauma deiner Kindheit zurück“.

Wir wiederholen das Ritual mit drei weiteren Themen. Ich glaube immer noch nicht so richtig dran, aber kaum habe ich die Worte ausgesprochen, muss ich weinen. Ich schluchze. „Wie alt bist du jetzt?“ fragt Mira. „Sechs“, sage ich. Ein Alter indem ich mich, wie wahrscheinlich viele Kinder, sehr verantwortlich für das Glück meiner Eltern gefühlt habe. Das spüre ich jetzt noch einmal am ganzen Körper. Ich sinke in mich zusammen und schluchze noch eine Weile während Mira mit einer Feder um mich herum wirbelt.

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Dann wird es ruhig. Plötzlich fühle ich mich befreit. Was auch immer da passiert ist, es zeigt schnell seine Wirkung. Und tut es bis heute. Irgendetwas, was ich nicht in Worte fassen kann, hat sich gelöst.

Natürlich tut es trotzdem weh. Natürlich durchlaufe ich immer noch den vielschichtigen Prozess von Trauer, den wohl jeder durchläuft, der ein Elternteil verliert. Dennoch habe ich das Gefühl, dass dieses Ritual eine ganz entscheidende Last von meinen Schultern genommen hat, die ich mir so allein nicht hätte nehmen können.

Vielleicht hat dich dieser kleine Einblick in das Ahnenritual dazu inspiriert, dich mit deinen Ahnen zu beschäftigen. Das muss nicht unbedingt in Form eines Rituals sein. Manchmal reicht es schon, wenn man sich der Familiengeschichte bewusst zuwendet: Fotos anschaut, sich Geschichten erzählen lässt und einem vielleicht bewusst wird, welche dieser Geschichten in der eigenen weiter wirkt. Und wie. Vielleicht stellt man fest, dass man ein bestimmtes Muster weiterlebt, welches schon die Urgroßmutter, die Großmutter und die eigene Mutter lebten.

Bewusstsein ist der erste Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis, zur Veränderung, zur Heilung.

Drei kleine Ahnenrituale, die du auch alleine machen kannst:

1. Ahnenaltar

Ich habe in meinem Zimmer einen kleinen Platz eingerichtet mit Bildern der Menschen aus meiner Familie, die in den vergangenen Jahren verstorben sind. Ich schmücke ihn mit frischen Blumen und lasse eine kleine Kerze brennen. Der Ahnenaltar ist ein Ritus, der in vielen verschiedenen Kulturen praktiziert wird. Nicht, um schmerzhafte Erinnerungen hervorzurufen, sondern um den Ahnen Ehre zu erweisen und Kraft aus ihrer Präsenz zu schöpfen.

2. Mit den Ahnen tanzen

Ein wie ich finde sehr kraftvolles Ritual. Du legst eine Musik deiner Wahl auf, verbindest dich innerlich mit deinem Ahnen, deinen Ahnen und beginnst, dich zu bewegen. Schau achtsam welche Bewegungen im Feld deiner Ahnen auftauchen wollen. Die Bewegungen können klein sein oder ausladend. Vielleicht verändern sie sich auch im Laufe des Rituals. Achte auf die Gefühle, die dabei auftauchen. Nimm sie wahr, aber bewerte sie nicht. Du bist wütend? Dann fühle das. Du musst weinen? Dann weine. Das erste Mal als ich einen solchen Tanz getanzt habe, konnte ich mich kaum bewegen. Doch danach fühlte ich mich dennoch ein Stück freier.

3. Ahnen-Briefe

Du hast ungeklärte Themen mit deinen Ahnen, die dich belasten? Dann schreib sie dir von der Seele. Auch wenn Menschen nicht mehr physisch in unserem Leben präsent sind, können wir einen Brief an sie schreiben. Und sie all das wissen lassen, was uns auf dem Herzen liegt. Was hat uns verletzt? Was hätten wir uns im Kontakt, in der Beziehung anders gewünscht? Was waren schöne Momente? Wofür sind wir dankbar? Du kannst ganz unzensiert schreiben, denn du musst diesen Brief niemals abschicken. Vielleicht behältst du ihn irgendwo für dich. Oder du verbuddelst ihn im Garten oder verbrennst ihn.

Alles Gute für deinen Weg,
Daniela

Foto Mira Michelle Jones: Anne Oschatz
Foto Titel: privat

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