Sie schießen aus dem Boden, wie Pilze nach einem schwülen Sommer: Yin Yoga Klassen. Und die Yin Yoga Teacher Trainings. Noch vor fünf Jahren wollte die Szene im Vinyasa-Wahn von ruhigen, lange gehaltenen Asanas nichts wissen. Jetzt liegt Yin voll im Trend.

Einer, der das gut heißt, ist der Berliner Yogalehrer Alexander Kröker. Der diplomierte Kulturpädagoge und Inhaber des YogaRaumBerlin sieht die Bewegung hin zum Yin Yoga als eine logische Konsequenz der Entwicklungen in der westlichen Yogaszene in den letzten Jahrzehnten.

Doch auch das Unterrichten des ruhigen Yogastils will gelernt sein. Deshalb bietet Alexander ab September eine spezielle 200 Stunden Element Yin Yoga Ausbildung an.

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Erst Vinyasa und Hot Yoga und jetzt machen alle Yin Yoga. Braucht die Yogaszene einen weiteren Trend?

Der aktuelle Yin-Hype ist absolut berechtigt. Unsere zeitgenössische Yogapraxis ist viel zu yangig geworden. Sie ist aus der Balance geraten. Wir haben das Leistungsprinzip auf die Yogamatten übertragen. Diese Entwicklung braucht einen Gegenpol. Und das ist das Yin Yoga.

Was verbirgt sich denn hinter dem Prinzip von Yin und Yang?

Yin und Yang sind Ordnungsprinzipien der traditionellen chinesischen Weltsicht. Es sind Polaritäten, die sich wechselseitig hervorbringen und gegenseitig bedingen. Das eine Prinzip kann ohne das andere nicht existieren – ohne Licht kann es bekanntlich keinen Schatten geben. Yin ist seiner Natur nach passiv oder empfangend. Es kühlt, seine Bewegungsrichtung ist absteigend oder nach unten fließend. Es wird mit dem Mond und der Dunkelheit assoziiert und oft als weibliches Prinzip bezeichnet. Yang ist aktiv und wärmend. Es steigt hoch, baut auf, treibt an. Es wird mit der Sonne und Helligkeit in Verbindung gebracht. Es ist das männliche Prinzip.

Findet sich dieses Prinzip der Gegensätze auch im Hatha Yoga wieder?

Ja. Das Prinzip der Gegensätze ist auch in der Yogaphilosophie zu finden. Dazu kann man sich zum Beispiel die Etymologie des Wortes ‚Hatha’ veranschaulichen. ‚Ha’ steht in Sanskrit für die Sonne als das nach außen gehende Prinzip. Und ‚tha’ für den Mond als nach innen gehendes Prinzip. Auch die Hauptnadis, die großen Energiekanäle, die unseren Körper durchlaufen sind diesen beiden Qualitäten zugeordnet. Pingala ist mit der Sonnenenergie verbunden und Ida transportiert Mondenergie. Beim übergeordneten Prinzip des klassischen Yoga geht es um die Balance zwischen diesen beiden Energien.

Wie genau unterscheidet sich das Yin Yoga von Yang Yoga Arten?

Yin und Yang Yoga unterscheiden sich wesentlich in ihrer Herangehensweise. Bei Yang-orientierten Stilen wie Vinyasa oder Ashtanga steht die Arbeit an und mit dem Körper im Vordergrund. Man wählt herausfordernde Asanas, die man nur für kurze Zeit halten kann. Man strebt danach, in den Übungen besser zu werden und durch die Asanapraxis seinen Körper zu verändern, kräftiger und flexibler zu werden.

Im Gegensatz dazu ist das Yin Yoga eine innere Praxis. Die Haltungen werden so eingenommen, dass man möglichst wenig Kraft aufwenden muss, um in ihnen zu bleiben. Dafür werden sie lange gehalten, mindestens zwei Minuten. Es geht darum, wirklich zur Ruhe zu kommen, bewusst und achtsam wahrzunehmen, was in einem vorgeht. Und sich dann dem zu stellen, was hochkommt, wenn der Körper über so lange Zeit sanft, aber kontinuierlich, stimuliert wird. Yin Yoga ist eine Praxis, die ihre transformative Kraft auf der emotionalen und mentalen Ebene entfaltet.

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Kann man sagen, dass es Menschen gibt zu denen per se eher eine Yin Praxis als das dynamische Pendant passt?

Die entscheidende Frage lautet: Was brauche ich, um in einen Zustand von Balance und Einheit zu kommen? Die Antworten sind von Person zu Person sehr unterschiedlich. Sie hängen nicht nur von der jeweiligen Konstitution, sondern auch von der Lebensphase ab. Mal brauche ich mehr kraftvolles und aktivierendes Yang in meinem Leben und mal die ruhigere, nach innen gerichtete Yin Energie. Deshalb kann man sagen: Es gibt nicht den einen Yogastil, der für alle immer richtig ist.

Es gibt nicht den einen Yogastil, der für alle immer richtig ist.

Du hast einmal gesagt, die Welt bräuchte mehr Yin? Wo sehen wir die Dominanz des Yang auf unserem Planeten?

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Fortschrittsgedanken des Yang-Prinzips hochhält. Wir streben danach, besser zu werden, uns selbst immer weiter zu optimieren. Das Außen zählt mehr als das Innen: Karriere, Geld, Schönheit. Die negativen Konsequenzen dieses Optimierungsgedankens zeigen sich überall: In der Ressourcenknappheit, dem Klimawandel, der Burnout-Statistik und der zunehmenden Zahl an Schmerzpatienten. Die Welt braucht wieder mehr Yin!

Denn dieses Prinzip bringt mehr Ruhe in unser Leben, in unsere Gesellschaft. Statt die Dinge zu verbessern, indem wir sie voran treiben, geht es darum, dass wir uns zurück nehmen. Wir lernen unser Glück nicht mehr im Außen, in der Leistung, zu suchen, sondern im Innen. Jede*r Einzelne braucht mehr Yin. Und unser ganzer Planet. Sonst sind unsere persönlichen und die Ressourcen dieses Planeten irgendwann aufgebraucht.

Statt die Dinge zu verbessern, indem wir sie voran treiben, geht es darum, dass wir uns zurück nehmen.

Als ich zum ersten Mal Yin Yoga geübt habe, hatte ich dabei sehr starke Emotionen. Wut zum Beispiel. Geht Yin Yoga auf dieser Ebene noch tiefer als andere Yogaformen?

Auf jeden Fall. Durch die körperliche Ruhe und die Tiefe der Praxis treten mentale und emotionale Aspekte viel mehr in den Vordergrund. Durch die lang gehaltenen Yin Positionen erreichen wir auf sanfte Art tiefliegendes Gewebe. Und über die Faszien werden die Energiekanäle, die Meridiane, stimuliert – und so lang angestaute Emotionen freigesetzt.

Als Yin Yogalehrer*in weiß ich wahrscheinlich, wie ich meine Schüler in solchen Situationen begleite?

Eine gute Yin Yogalehrer*in weiß, wie sie in diese tiefen Räume führt. Sie beherrscht verschiedene Techniken aus der Körper- und Energiearbeit, kann ihre Stimme gezielt einsetzen und weiß, wie sie mit emotionalen Ausbrüchen umgeht. Dafür ist es wichtig, dass ich die Qualität von Yin Yoga bereits intensiv an Körper und Seele erfahren habe. Wichtig ist auch, dass ich die Körper meiner Schüler*innen lesen kann und erkenne, welche Modifikationen für sie hilfreich sein könnten. Ziel ist es, dass ich den Ablauf wirklich so gestalte, dass meine Schüler*innen lange in den Haltungen und der inneren Erfahrung bleiben können.

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Ihr bietet ab September eine spezielle 200h Element Yin Yogalehrer*innen Ausbildung  an. Erzähl uns mehr!

Die eigene Erfahrung ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Element Yin Yogalehrer*innen Ausbildung. Deshalb gibt es vor dem eigentlichen Teacher Training eine 100 Stunden Yin Immersion: Ich möchte die Teilnehmer*innen selbst durch einen wirklich tiefen Prozess führen. Sie sollen Yin Yoga und seine Wirkungen wirklich für sich erforschen bevor sie lernen, es zu unterrichten. Diesen Teil kann man übrigens auch unabhängig von der Ausbildung besuchen – nicht alle, die tiefer ins Yin Yoga einsteigen möchten, wollen es schließlich auch unterrichten.

Im zweiten Teil der Ausbildung geht es dann darum, das Werkzeug eines tiefgehenden Yin Yoga Unterrichts zu erlernen. Das umfasst ein breites Spektrum von Techniken aus dem Taoismus, der klassischen Yogaphilosophie, dem Ayurveda und der Energie- und Körperarbeit. Wir lernen zudem Visualisierungen gezielt einzusetzen und Storytelling – alles, was dazu beiträgt, einen bestimmten inneren Raum zu betreten und innere Prozesse zu begleiten.

Was ist das Besondere an Element Yin Yoga ?

Element Yin Yoga verbindet den ganzheitlichen Gesundheitsgedanken (aus TCM und Ayurveda) mit einer lebensbejahenden Sichtweise (tantrischen Yogaphilosophie und Taoismus). Klassisches Hatha Yoga beeinflusst Element Yin ebenso wie die moderne Erscheinung des Yin Yoga nach Paul Grilley und Sarah Powers. Anstatt Yin Yoga als gesonderten Übungsstil abzugrenzen, ist für uns jede Praxis Yin, wenn sie den passiven Aspekt des Yoga betont und dadurch Balance herstellt.

Vielen Dank, lieber Alexander. Wir hoffen, dass du noch viel mehr Yogis für eine gesunden Balance aus Yin und Yang in ihrer Praxis inspirieren kannst und kommen demnächst mal rum. Bis dahin!

Wir sind begeistert, dass es endlich eine tolle Yin Yoga Ausbildung in Berlin gibt und können dir das Training bei Alex und seinem Team wärmstens empfehlen.

Wenn Du selbst das Element Yin Yoga mal testen möchtest, findest du die Yin Klassen hier im Stundenplan des YogaRaumBerlin. Alle wichtigen Fakten zur 200 Stunden Element Yin Yogalehrer*innen Ausbildung findest du ebenso auf der Seite. In diesem Video kannst du dir nochmals alles von Alexander, im Übrigen einer der erfahrensten Yoga-Lehrer Berlins, selbst erklären lassen.

Das Interview führte Daniela Singhal.
Bilder: Katharina Rose
Im Falle diese Beitrages wurden wir für unsere Arbeit bezahlt. Sei dir dennoch sicher, dass wir hier ausschließlich Empfehlungen aussprechen, die wir auch unseren besten Freundinnen geben würden.

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