Vor Jahren erzählte mir ein Schüler, dass er sich nach einer Yogastunde aufs Fahrrad geschwungen, die Arme ausgebreitet hat und vor Glück am liebsten platzen wollte. Wie das letzte Mal als Kind.

Ich musste fast heulen. Ich kenne diese wunderschönen Momente. Den Yoga-Flash. Das Problem ist nur: Mir tut es richtig weh, wieder raus zu fallen aus diesem High.

Mit der Zeit habe ich gelernt, wie ich das Yoga-Gefühl reaktivieren und in den Alltag bringen kann.

Mindfuck adé: So bekommst du deinen Geist in den Griff

Der Knackpunkt ist dein Geist. Er sorgt für Kopfkino am laufenden Band. Aber mit einfachen Techniken kannst ihn wieder einfangen. Und so in den Zustand von Yoga zurückkommen. Das sind meine fünf Favoriten.

1. Setze eine klare Intention

Werde dir klar darüber, welches Gefühl du in deinem Leben stärken möchtest und formuliere es. In welcher Situation hast du dieses Gefühl schon einmal gespürt? Nimm die Situation zur Hilfe, erinnere dich daran, wie du dich damals gefühlt hast und hole dieses Gefühl so in die Gegenwart.

„Whatever you meditate on, you become.”

– A.G. Mohan

Was ich persönlich sehr empfehlen kann: Wähle ein Gefühl, das dich Richtung Freiheit führt und nicht Richtung Abhängigkeit. Sprich: Wählst du bedingungslose Liebe, unabhängig davon, wie sich andere dir gegenüber verhalten, ist die Chance höher, dass es dich Richtung Freiheit führt.

Eher ungünstig sind Wenn-dann-Situationen. Zum Beispiel: Wenn der Johannes sich in mich verliebt, dann bin ich glücklich. So ist dein Gefühl von Liebe an eine Bedingung geknüpft; eine Bedingung, die du nicht beeinflussen kannst.

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2. Bewege dich und atme achtsam

Wichtig ist nicht so sehr, was, sondern wie du übst. Sei achtsam. Achtsamkeit erkennst du daran, dass du sehr genau spürst, was jetzt alles da ist. Außen und innen.

Nimm wahr, wie die Luft riecht, die du atmest, wie sich dein Körper jetzt anfühlt, wenn du dich bewegst, wie ruhig oder unruhig dein Atem ist, was und wie viel oder wenig du denkst, während du dich bewegst und atmest.

Fang klein an, mit fünf bis zehn Minuten bewegen und atmen. Ich persönlich empfehle morgens direkt nach dem Aufwachen für deine Praxis. Dein Geist ist wahrscheinlich im Ruhemodus, du hast noch nichts gegessen, noch keinen Kaffee und keinen Tee getrunken.

Wenn morgens nicht in deinen Tagesablauf passt, dann schau, welche Tageszeit für dich machbar ist. Wenn du später am Tag übst, dann iss zirka zwei bis drei Stunden vorher nichts Schweres. Ein vegetarisches Süppchen oder Obst gehen meistens.

Eine runde Asana-Praxis könnte so aussehen:

  • stehende Haltungen
  • dann Rückenlage mit Schulterbrücke
  • dann Bauchlage mit Kobra & Co
  • dann Sitzen mit Paschimottanasana und ähnlichen Haltungen
  • falls du kurz liegen möchtest, dann Savasana
  • dann Sitzen mit einfachem Pranayama
  • dann Sitzen in Meditation.

Nicht vergessen: Bring deine Intention in dein körperliches Üben mit ein und erinnere dich bei jedem Atemzug an sie.

3. Rezitiere ein Mantra

Wähle das Mantra so, dass es das Gefühl verkörpert, welches du verstärken willst. Bei vielen geht es ums Loslassen. Versuche es mit einem meiner liebsten Mantras, um das Drama in deinem Geist zu beruhigen.

NAMAH

na = nicht
mah = meins

„Ich lasse die Gedanken in meinem Geist los.
Ich bin nicht mein Geist.
Ich bleibe ruhig, friedlich, still.
Wenn ich loslassen kann, warum sollte ich gestresst sein?“

Ganesh Mohan

Wenn du regelmäßig ein Mantra chantest – laut oder leise – schaffst du eine klare Pause in deinem Kopfkino. Und in dieser Pause pflanzt du neue positive Muster in deinen Geist ein. Je öfter du übst, desto stärker wird die neue, schöne Blümchentapete-mit-Einhorn-Muster für deinen Geist und überlagert allmählich die ollen Muster, die dich nerven.

Du findest das Mantra auf der Soundcloud. Dort kannst du es hören und dann nach-chanten.

Namah.
Namo Namo Namah.
Namah Namah Namah.

Du kannst pro Ausatmung ein Namah chanten oder Namo Namo Namah oder Namah Namah Namah. Probier aus, was für dich besser funktioniert. Die längere Version ist eine Wiederholung des Mantras und kann dir helfen, konzentrierter bei der Sache zu bleiben.

Du kannst das Mantra in deine Asana-Praxis einbauen. Oder in jeder beliebigen Alltags-Situation: im Sitzen, im Gehen, beim Autofahren, beim Fahrradfahren, beim Kochen, beim Putzen, im Büro, auf dem Klo. Egal. Wichtig: Fühle Loslassen, während du das Wort NAMAH chantest.

Obacht: Bei Depressionen würde ich NAMAH nicht unbedingt empfehlen.

4. Tief ausatmen und Atem halten – die Praxis für stressige Situationen

Patanjalis Yogasutra handelt davon, wie wir den Geist in den Griff bekommen. In Vers I.33 und I.34 steht geschrieben: “Der Geist (Gedanken, Gefühle, Sinneswahrnehmungen) wird gereinigt durch Ausatmen und Atem anhalten.“

Tief und komplett und langsam ausatmen – falls möglich durch die Nase. Ganz leer werden. Wenn es für dich angenehm ist, halte kurz die Atemleere. Dann lass den Atem von alleine wieder einströmen. Halte den Körper dabei ruhig. Atme in den Bauch ein und aus.

Diese kleine Übung kannst du auch im Büro oder in der U-Bahn machen. Du kannst dich aber auch gerne hinlegen – so ist der Entspannungseffekt noch größer. Nimm zehn Atemzüge und prüfe, wie es dir danach geht: Bist du immer noch so gestresst wie vorher?

Auch hier: Tief ausatmen und Atempause nach der Ausatmung – generell vieles, was mit Loslassen assoziiert ist – würde ich nicht bei Depressionen empfehlen.

5. Eine Meditation im Gehen

Für diese Methode brauchst du nichts – idealerweise nicht einmal Schuhe. Geh barfuß und spüre, wie sich deine Fußsohlen anfühlen, wenn sie den Boden berühren.

Dabei beobachte den Atem. Wenn der Atem unruhig wird, weil dich irgendetwas stresst, egal ob es Geräusche sind oder deine eigenen Gedanken, dann bleibe stehen und warte, bis der Atem wieder ruhig ist. Sobald er wieder frei fließt, gehe weiter und konzentriere dich auf deine Fußsohlen.

Mein Tipp: Ersetze das Herumtippen auf dem Handy durch die Gehmeditation. Es sind die kleinen Dinge, die unseren Alltag nachhaltig beeinflussen.

Früher konnte es mir nicht schnell genug gehen mit dem Yoga. Einmal Autobahn ins Einhorn-Land, bitte! Nachdem ich ein paarmal sehr unsanft gelandet bin mit schnell-schnell, habe ich angefangen, langsamer zu machen und kleine Übungen wie diese hier in mein Leben zu integrieren. Besonders Mantren wie Namah und Gehmeditationen haben mich schon so oft gerettet und seitdem sind sie meine Freunde geworden. Vielleicht werden sie auch deine. Probier’s aus.

Zum Schluss noch ein paar Lesetipps:

Viel Freude beim Üben.

Alles Liebe,
Adrienn

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Bilder: Adrienn Sümeg, Jürgen Hach